Gerd Ruge:

Weites Land Russische Erfahrungen - Russische Perspektiven; Berlin Verlag, Berlin 1996; 479 S., 48,- DM

Nähe und Distanz waren die Merkmale der langjährigen Korrespondententätigkeit Gerd Ruges in Moskau. Und Nähe und Distanz zeichnen auch sein neues Rußland-Buch aus. Aus seiner Zuneigung zu diesem "weiten und tiefen Land" macht der Autor an keiner Stelle ein Hehl. Doch nirgendwo verführt ihn diese Zuneigung zu Kritiklosigkeit. Ruge ist ein neugieriger Reporter, rastlos, aber nicht rasend, sondern stets reflektierend.

Wie im Zeitraffer läßt Ruge vierzig Jahre sowjetischer und russischer Geschichte vor den Augen des Lesers Revue passieren. Dabei gilt sein Interesse nicht nur der großen Politik hinter den Kremlmauern, sondern auch den Sorgen und Problemen der Menschen im Alltag, ihren großen und kleinen Freuden, ihren Hoffnungen und Ängsten.

Und ebenso aufmerksam, wie er die politischen Strömungen beobachtet, nimmt er Anteil am geistigen und kulturellen Leben des Landes.

Eindrucksvoll schildert er seine Begegnung mit Boris Pasternak in den fünfziger Jahren und mit anderen Schriftstellern wie Wladimir Dudinzew, Semjon Lipkin und Ilja Ehrenburg. Nicht weniger faszinierend berichtet er von Treffen mit Nikita Chruschtschow, Leonid Breschnjew, Michail Gorbatschow und Tschetschenenführer Dshochar Dudajew.

Das Funktionieren der Zensur zu Sowjetzeiten beschreibt Ruge genauso ungeniert wie die institutionalisierten Kontakte der ausländischen Korrespondenten in Moskau zum KGB.