Seit er zum ersten Mal öffentlich auftrat, hat sich die wahre Art, die Violine zu spielen, von Grund auf geändert. Vor zweiundsiebzig Jahren, als der achtjährige Knabe Menuhin das Publikum in Oakland mit Bériots "Scène de ballet" in Verwunderung und Entzücken versetzte, da war noch ein großes, saftiges Vibrato üblich, man sprach vom Gesang der Geige und davon, daß ihr Singen eine Seele haben müsse.

Damals gab es auch noch reine Violin-Abende. Man liebte den schmachtenden Ton, den vollen, runden Klang und daneben natürlich vor allem die atemberaubende Artistik einer technisch virtuosen, exhibitionistischen Teufelsgeigernummer. Erstaunlicherweise war es den Leuten dabei egal, wenn zwischen all dem beseelten Schönklang auf einmal häßliche, falsche Töne auftauchten; wenn in schnellen Passagen, in hohen Lagen plötzlich die Intonation wackelte oder aber im Eifer des Gefechts leere Saiten schnalzten. Jeder, der alte Aufnahmen mit Fritz Kreisler hört, kann sich leicht davon überzeugen. Ja, selbst der große Jascha Heifetz war nicht frei von jener üblen Gewohnheit: dem übermäßigen Gebrauch der Portamenti, einer Art Glissando, von Ton zu Ton rutschend zur romantischen Steigerung des Ausdrucks gedacht und sogar angewendet bei Bach und Händel. Heute findet man: Das schmiert.

Heute zieht man der schönen Seele eines Tones die Sauberkeit vor.

Schuld an dem Geschmackswandel ist, neben der Tonträgerindustrie, die statt der Einmaligkeit des Klanges die Vergleichbarkeit der Klänge fördert, die Mode der historischen Aufführungspraxis. Seit spezialisierte Barockgeiger das fast vibratolose Spiel und den hart heruntergesägten Bogenstrich kultivieren, ist ein trockener Ton allgemein zum Ideal geworden. "Über ein besonders angebrachtes Portamento", sagte David Oistrach, "freut man sich zweimal: beim Erfinden - und beim darauf Verzichten." Und auch Lord Yehudi Menuhin, der doch mit dem Portamento groß geworden war, lehrt längst, bei Bach seien Glissandi unbedingt zu vermeiden.

Menuhin hat viel Bach gespielt im Laufe seiner Virtuosenkarriere, auf verschiedenste Weise. Im Sommer 1959 etwa spielte er, gemeinsam mit seinem Bath Festival Orchestra, das zweite Violinkonzert E-Dur (BWV 1042) auf Nummer sicher: noch mit Glissandi, aber glanzlos und lahm. Die Geige singt nicht mehr, schade. Seine Plattenfirma hat ihm keinen Gefallen damit getan, just diese Aufnahme zum Wiegenfest am 22. April neu herauszubringen und ihn dann auch noch zu preisen als "Geiger des Jahrhunderts". Das würde er selbst nie von sich behaupten! Menuhin ist vielleicht der weiseste, beste Mensch dieses Jahrhunderts, aber gewiß nicht der Geiger.

Doch die EMI schielt mit dieser Edition tief ins Portefeuille des lieben, dummen, großen Kindes Publikum, das sich so gerne der alten Zeiten erinnert: der fünfziger Jahre, als es aufwärts ging und das Schönschnulzen noch gestattet war. Alle Titel sind Repertoire-Renner aus jener Zeit: Beethovens F-Dur-Romanze, das Bruch- und das Brahmskonzert... Man hört's wieder, hört viel Mulmiges, ja, Falsches, und wundert sich.

Gut, daß es auch noch andere, bessere und sogar hervorragende alte Platten mit Yehudi Menuhin auf dem Markt gibt. Etwa die Bartók-Rhapsodien mit dem BBC Symphony Orchestra unter Pierre Boulez. Oder die berühmten Gershwin-Aufnahmen, im Duett mit Stéphane Grapelli: Da muß es sogar ein bißchen schmachten, "cheek to cheek". Oder aber die ganz alten Aufnahmen aus den dreißiger Jahren. Der junge Menuhin spielt mit schönem Schwung und herzinnigem Glanz die herrlichsten Zugaben von Kreisler und Granados, er spielt Lalos Symphonie espagnole oder, zusammen mit seiner Schwester Hephzibah, die a- Moll Sonate von Georges Enesco "dans le caractère populaire roumain": Diesen jubelnden, weltentrückten, schwebenden Zigeunertonfall, den gab es nur einmal, der kommt nie wieder.