Der Aufbau Ost dauert länger und kostet viel mehr, als Politiker und Bürger 1990 geglaubt hatten. Aber auch den Westen plagen Probleme, die im Einheitsjubel niemand für möglich gehalten hätte: In Westberlin ist die Arbeitslosigkeit heute höher als im Osten der Hauptstadt.

Die nationale Solidarität wird dadurch auf eine harte Probe gestellt.

Kein Wunder, daß von Stammtischen und Staatskanzleien zunehmend kritische Fragen kommen: Braucht der Osten wirklich so viel Geld?

Hat der Westen nicht selbst Sorgen genug?

Der bayerische Finanzminister Erwin Huber zum Beispiel wandte sich in einer Reihe von Interviews gegen die "Gießkannenförderung" in Ostdeutschland. Und der Brüsseler Wettbewerbskommissar Karel van Miert kündigte an, die Kommission werde künftig Beihilfen für Ostdeutschland weniger großzügig genehmigen. Schließlich gebe es auch andernorts Arbeitslose.

Erneut sieht sich Deutschland vor das zentrale Dilemma der Einheit gestellt: Der Westen kann nur gedeihen, wenn er dem Osten mit Milliarden auf die Beine hilft, der Osten aber ist verloren, wenn dem Westen dabei die Luft ausgeht.

Was folgt daraus? Auf keinen Fall, daß die Transfers (jährlich 150 Milliarden Mark) in ihrer Substanz heute schon in Frage gestellt werden können. Der postsozialistische Teil Deutschlands ist auch im sechsten Jahr der Einheit weit von einem selbsttragenden Aufschwung entfernt. Gut ein Drittel der Arbeitswilligen findet keine Beschäftigung auf dem regulären Arbeitsmarkt, die Exportkraft der Industrie ist enttäuschend, die Baukonjunktur lahmt. Es ließe sich sogar für mehr statt weniger Subventionen plädieren, wenn denn nur Geld da wäre.