Die Ölkrise war im Grunde nicht schlimm; man konnte endlich mal sonntags auf der Autobahn radfahren. Die RAM-Krise wird nicht so gemütlich ausfallen. RAM ist das Kürzel für den Arbeitsspeicher des Computers (Random Access Memory). Die Bedeutung dieser kleinen Chips ist schwerlich zu unterschätzen: Speicherkapazität wird in unvorstellbaren Massen benötigt, ja RAM ist das Öl des nächsten Jahrhunderts.

Das dachten sich jedenfalls die RAM-Fabrikanten. Deshalb machten sie sich im Wettlauf an die Herstellung immer leistungsfähigerer Speicherchips. Mittlerweile sind sie bei der Serienproduktion von 16-Megabyte-Bausteinen angelangt, Chips mit einem Volumen von 64 und 128 Megabyte werden bereits vorbereitet. Höchste Zeit, daß die kleineren Maßeinheiten verramscht werden. Dafür sollte vor allem der Boom des neuen speicherhungrigen Betriebssystems Windows 95 sorgen, der seit langem herbeiprophezeit worden ist.

Die Rechnung ging nicht auf. Windows 95 boomte nicht richtig, und die großzügig mit RAM bestückten Rechner ließen sich auch im Weihnachtsgeschäft nicht gut verkaufen. Riesige Lagerbestände an RAM sammelten sich an, und die Preise sanken jämmerlich. Ende Januar gab die Semiconductor Industry Association den amerikanischen Chip-Index mit 0,90 an: Für verkaufte Chips im Wert von 100 Dollar bekamen die Hersteller neue Aufträge im Wert von nur noch 90 Dollar. Mittlerweile ist der Index auf 0,80 gesunken, bei weiter fallender Tendenz.

Vor allem in den USA stockt der PC-Absatz; der Markt scheint zunächst einmal gesättigt zu sein. Eine Umfrage von Dataquest erbrachte neulich, daß 58 Prozent der amerikanischen Haushalte mit dem Computer als solchem vertraut sind, aber trotzdem keinen kaufen wollen. Die Fachpresse fand das Ergebnis "schockierend".

In dieser Situation möchte die Industrie wenigstens alles vermeiden, was nach einem Preiskrieg aussieht. Vor zwei Jahren, als die Chips mit einem Speicher von einem und vier Megabyte auf den Markt drängten und ebenfalls den Chip-Index verdarben, war man auf eine sehr einfache Lösung verfallen: Plötzlich gingen Berichte von einer schweren Explosion im fernen Japan um die Welt. Dort sollte eine der beiden Fabriken, in denen der Grundstoff für die Speicherbausteine hergestellt wird, schwer beschädigt worden sein. Flugs erhoben sich die Preise wieder in alte Höhen. Bis heute konnte allerdings kein einziges Agenturphoto von dieser beschädigten Fabrik aufgestöbert werden.

Wer das Angebot ein weiteres Mal künstlich verknappen wollte, müßte sich wohl etwas anderes einfallen lassen. Die Semiconductor Association plant jedenfalls bereits eine Werbekampagne, die vorbeugend die große RAM-Krise heraufbeschwört, indem sie eindringlich die Bedeutung von RAM für die Volkswirtschaften der Zukunft erklärt: Überall wird RAM sein, in Autos, in Schuhen und Schulranzen, im intelligenten Haus und natürlich im Internet, wo eine opulente Ausstattung mit RAM dem Publikum vielleicht eines Tages sogar die langwierigen Urlaubsreisen erspart: Ein Klick auf die Web-Seite des Urlaubsortes, und schon spult sich ein Film mit den schönsten Stellen ab.