Von der Buchmesse in Miami dringt die Kunde zu uns, daß die Nobel-Literaten Octavio Paz, Derek Walcott und Czeslaw Milosz entschieden davor warnen, die Poesie ins Internet zu stellen. Vom unweigerlichen Tode der Gesellschaft ist im Bericht von Reuters die Rede. Den sehen die Poeten kommen, wenn der Geist der Poesie sich in den Netzen auflöst. Gedichte gehörten in Bücher und nicht auf Home Pages im World Wide Web, basta.

Der flammende Aufruf zur Verteidigung der Poesie reizt natürlich zum Blick ins Web. An Gedichten, Interpretationen und dem sonstigen Poesie-Zubehör mangelt es nicht, ganz im Gegenteil. Da hat der kleine Verlag Stony Run Press mangels Papierauflage die komplette kommentierte Fassung der "Defence of Poesie" von Philip Sydney in der Fassung von 1595 ins Web gestellt. Gedichte der längst wieder vergessenen rumänischen Ceauscescu-Kritiker finden sich in einer umfangreichen Web-Sammlung, zweisprachig und kommentiert. Ein Kompendium der afghanischen Poesie von der Vergangenheit bis zur verfeindeten Gegenwart ist vorhanden und wer eine französische Suchmaschine anwirft, findet die komplette Nationalpoesie, zum Teil auf schmuckstolz formatierten Web-Seiten wie bei Rimbaud und Baudelaire. Italien steht da nicht nach.

Auch gibt es ganz untote Dichter, die das Web nicht scheuen. Ulalume Gonzales de Le—n führt sein komplettes Oeuvre im Web. De Le—n ist einer der Herausgeber der Literaturzeitschrift Vuelta, der andere ist Octavio Paz, der Warner vor dem Web. Im Web gibt es Dichter-Festschriften, die an die frühe Aufklärung erinnern oder einfach nur Ernst Jandl hochleben lassen. Selbst der mittelhochdeutsche Minnesang eines Heinrich von Morungen ist vertreten und wenn der Netz-Surfer nicht weiß, wie poetisch dieser geklungen haben mag, kann sich eine Sound-Datei zum Abspielen schicken lassen.

Es geht auch moderner und sowieso sehr reflektiert zu, im Web. Das beweist das Kochweb des deutschen Dichters Olaf Koch:

liebe mouse.com her zu mir

da ich doch so.bat nach dir.