Aus dem Leben des Musikkritikers (I): Zwar ist der Kritiker unbestechlich, überparteilich & neutral, aber taub ist er nicht. Weshalb er, wenn er hin und wieder mit einem Kollegen telephoniert, sich gern erkundigt: "Und was hörst du gerade so?"

"The Fugees" , bekam er letztens zur Antwort. "HipHop von Haitianern aus New York. Sehr melodisch, sehr swingend, sehr sinnlich."

Na! Seit Wochen sehnt sich der Kritiker danach, eine HipHop-Platte zu besprechen, weil HipHop einfach hip ist, und doch gelingt es ihm nicht, weil das meiste einfach shit ist. Er besorgt sich also die Platte der Fugees.

Einmal hören, da steht sein Urteil fest: Hübsche Melodiechen, ansprechend montiert - aber so was von glatt das Ganze! Keine Reibungsfläche, an der sein Enthusiasmus sich entzünden könnte!

Aus dem Leben des Kritikers (II): Wer unabhängig, überparteilich & neutral ist bis zur Erschöpfung, der muß sich gelegentlich erholen. Und um im Urlaub nicht aufs Radio angewiesen zu sein, packt der Kritiker in ein Köfferchen all jene Platten, die richtig zu hören er noch nicht die Zeit hatte.

Ein Freund am Urlaubsort spielt bereitwillig die Lottofee: greift blind hinein in den Koffer und legt auf; so hört man gemeinsam die buntesten Sachen.

Koglmann/Konitz: "We Thought About Duke" (Hat Hut/helikon), Jazz von kammermusikalischer Qualität; Bill Evans: "Escape" (Escapade/Efa), Jazz meets HipHop, belanglos leicht bis ohrwurmartig; Fred Frith: "Middle Of The Moment" (RecDec/Efa), eine volksmusikalisch inspirierte Reise um die Welt in 60 Minuten und 44 Sekunden; Immaculate Fools: "Kiss And Punch" (Cooking Vinyl/Public Propaganda), Led Zeppelineske Rockmusik der Neunziger; "Dem Rhythmus sein Brudern" (Trikont/Indigo), 22 Stücke verschiedener Stile & Interpreten, aber keines im Viervierteltakt: absolut großartig!!

Und dann zieht der Freund die Fugees aus dem Koffer.

Hört's - und will das gleich noch einmal hören und dann noch einmal und dann gar nichts anderes mehr.

Der Kritiker kommt ihm mit der Glätte; die schert den Freund nicht: "Das geht doch unglaublich ab."

Aus dem Leben des Kritikers (III): Noch unabhängiger, überparteilicher & neutraler als das Urteil des Kritikers ist seine Bereitschaft, ein Urteil zu überprüfen. Er legt also, beeindruckt von der Begeisterung des Freundes (der Freunde: andere gesellten sich hinzu), die Platte zu Hause noch einmal auf. Und findet seine Frau gleich vor den Lautsprechern tanzend:

"Was' das denn? Das' ja gut!"

Und das kleine Töchterchen, das bei anderen Werken schon Tränen vergoß, wippt in den Kniekehlen und strahlt übers ganze Gesicht.

Aus dem Leben des Kritikers (IV): Was nützt dem Kritiker all seine Unabhängigkeit usw., wenn er sich am Ende anstecken läßt? Das "No Woman, No Cry"-Reggae-Remake der Fugees mitzusingen anfängt. Das kitschige "Killing Me Softly With His Song" zu lieben beginnt . . . wie da die Soulstimme der Sängerin allein und herzzerreißend über der Schlagzeugspur schwebt!

Nein, das habe er, bei aller Glätte, ja von Anfang an gefunden: wirklich hübsche Melodien und sehr ansprechend montiert. Zu einem beständig repetierten Sample tritt in den meisten Songs ein Rhythmus vom Computer und der Gesang des Fugee-Trios aus zwei Männern und einer Frau; in sparsamen, effektvollen Arrangements, die ewige Wiederholungen mit raffiniert plazierten Aussetzern kollidieren lassen.

Aus dem jüngsten Text des Kritikers (über die Fugees):

"Die Härte des Rap, die Leichtigkeit des Reggae und die Wärme des Soul verschmelzen zu einer verblüffenden Vision schwarzer Musik."

Ob er das auch morgen noch so sieht?

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