Wenn es ums Geld geht, dann scheinen die Ökonomen sich selbst nicht recht zu trauen. Alle großen Banken und Brokerhäuser beschäftigen sogenannte Chartisten, um sich von ihnen Preise und Kurse vorhersagen zu lassen. Chartisten ziehen ihre Weisheit aus der Deutung schwarzer Linien auf kariertem Papier. Diese Zeichnungen, Charts genannt, stellen den Verlauf von Kursen und Preisen dar. Die Chartisten versuchen, darin bestimmte Figuren zu erkennen, etwa Untertassen, Regenschirme oder Wimpel, aber auch Trendkanäle und Widerstandslinien. Handfeste ökonomische Daten, wie die Ertragslage eines Unternehmens, spielen für sie keine Rolle.

Was zunächst wie Hexerei erscheint, wird im Finanzgewerbe sehr ernst genommen. Erst kürzlich ließ eine Großbank ganz offiziell verlauten, daß "der Aufwärtstrend des Goldpreises trotz des Februar-Rückschlages nach wie vor intakt ist, solange nicht die Widerstandslinie von 380 Dollar nach unten durchbrochen wird".

Die einstmals als unseriös verpönten Charttechniker genießen heute ein hohes Ansehen, weil sie mit ihren Prognosen angeblich oft richtig liegen. So soll keine ökonomische Analyse das Ende einer Börsenhausse so zuverlässig voraussagen können wie eine Kopf-Schulter-Formation. Anhänger der Charttechnik haben für ihre relativ hohe Trefferquote auch eine Erklärung: Im Grunde, so sagen sie, seien Charts eine höchst ökonomische Angelegenheit. Kurs- und Preiskurven seien nichts anderes als ein exaktes Abbild des Marktgeschehens. Alle relevanten Faktoren, von den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen über Unternehmensdaten bis hin zur Psyche der Marktteilnehmer, seien darin enthalten.

Charts bringen demnach die komplexe Welt der Wirtschaft auf einen Punkt - oder besser auf eine Linie. Um daraus Rückschlüsse für die Zukunft ziehen zu können, behaupten die Charttechniker einfach, daß sich Käufer und Verkäufer in ähnlichen Situationen auch immer wieder vergleichbar verhalten. Daß zum Beispiel eine Marktentwicklung, die zu einer Untertassenformation führt, stets eine steigende Nachfrage und damit steigende Kurse zur Folge hat. Das Bestechende an dieser Theorie: Es ist völlig unerheblich, ob sie richtig ist oder nicht. Wenn nur genügend Anleger daran glauben, werden die Prognosen schon zutreffen: Sowie eine Untertasse auftaucht, kaufen die Anleger. Die Kurse steigen. Man nennt das auch self-fulfilling prophecy - eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

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