Die Klage von der Überalterung der Studenten ist in aller Ohren. Dabei droht der deutschen Universität von ganz anderer Seite Gefahr: Ihre Professoren sind zu alt, der qualifizierte Nachwuchs mag sich auf das Abenteuer Habilitation kaum mehr einlassen. Vor allem die jüngeren und kreativen Wissenschaftler fliehen die Hochschule. Der Qualität von Forschung und Lehre leiden an Auszehrung. Die ersten Modelle einer verjüngten Universität liegen auf dem Tisch, sie reichen von der Abschaffung der Habilitation bis zum Leistungsnachweis für Ordinarien. Doch wer wagt sich an diese Strukturreform an Haupt und Gliedern?

Unübersehbar, ein "Professorenloch" tut sich auf. Der Wissenschaftsrat schlägt bereits Alarm: Bis 1999 werden jährlich etwa 790 Professoren aus Altersgründen ausscheiden. In den Jahren 2000 bis 2004 werden es jeweils 1057 sein. Besonders überaltert sind die Ingenieurwissenschaften mit 76 Prozent und die Geisteswissenschaften mit 65 Prozent der über fünfzigjährigen Hochschullehrer. Auch wenn weiterhin Promotionsund Habilitationszahlen steigen, es entscheiden sich zu wenige für die Wissenschaft als Beruf.

Dabei erfreuen sich deutsche Professoren eines höchst anständigen Gehalts, haben einen unkündbaren Job, der genug Freiheit und Freizeit für lukrative Nebenbeschäftigungen bietet, genießen eine durch den Beamtenstatus gesicherte, auskömmliche Pension und immer noch hohe gesellschaftliche Reputation. Nicht zuletzt gehört dazu auch das Privileg, sich bei der Arbeitseinteilung "ihrem Biorhythmus hingeben zu können", wie es eine Universitätsangestellte einmal bezeichnete.

Doch die völlig überalterte und verfahrene Personalstruktur und -politik an den Hochschulen ist ein Trauerspiel. Der traditionelle hierarchische Aufbau, der im 19. Jahrhundert sinnvoll gewesen sein mag, entspricht in keiner Weise mehr den Anforderungen von heute. Schlimmer noch, angesichts der hohen Studentenzahlen, knappen Finanzausstattung und kaum kalkulierbaren Schwankungen im "Marktwert" einzelner Fächer verkehrt diese Struktur sich in ihr Gegenteil: Was einst die Spitzenkräfte in Forschung und Lehre an die Universitäten band, ist heute geeignet, sie von dort zu vertreiben.

Das Prinzip, nach dem das wissenschaftliche Personal strukturiert ist, gleicht einer Pyramide, deren Spitze, das Professorat, durch kontinuierliches Vorankommen erklommen werden kann. Von der wissenschaftlichen Hilfskraft über den wissenschaftlichen Mitarbeiter zum Assistenten und Habilitanden geht es stetig bergauf. Das jedenfalls ist die Idee oder das Ideal. Das Modell hat auch einigermaßen funktioniert, solange aus einer überschaubaren, hochqualifizierten Schar von Doktoranden und Habilitanden genügend Wissenschaftler Hoffnung auf eine Professorenstelle im C-4-Status hegen konnten. Heute aber hat sich die Pyramide auf den Kopf gestellt und funktioniert, jedenfalls für die individuelle Karriereplanung, eher wie ein Trichter. Und dessen steiles Gefälle ist für den einzelnen kaum mehr zu kalkulieren.

Die Gefahr, irgendwo in diesem Trichter hoffnungslos steckenzubleiben, steigt mit dem Alter. Die höchste und risikoreichste Strecke ist die Habilitation. Über den gesamten Verlauf des Verfahrens setzt sie die Lehrstuhlaspiranten einem existentiellen Risiko aus. Das Durchschnittsalter liegt dabei etwa bei 40 Jahren. Jeder weiß, daß es jenseits der 45 oder 50 fast aussichtslos ist, noch an irgendeine Universität einen Ruf zu bekommen - oder den letzten Abzweig in die Privatwirtschaft zu schaffen. Sogar Hartmut Schiedermair, der Präsident des Hochschulverbandes, also der professoralen Standesorganisation, räumt ein, daß die Habilitation nicht nur ein wissenschaftliches, sondern vor allem ein soziales Problem geworden ist: "Der zu alt gewordene Habilitand ist ein Notfall." Und dessen Versorgung werde gar nicht so selten durch eine "soziale Habilitation" gesichert nach der Devise: "Der Mann ist jetzt 45 Jahre alt, den können wir doch nicht einfach hängenlassen." Die wissenschaftliche Qualität bleibt da aus durchaus christlichen Gründen oft auf der Strecke.