KIEL. - Kisten und Kästen, Karl Otto Meyer packt ein. Ständig klingelt das Telephon, Gott sei Dank steht die Kaffeemaschine noch da. "Rahm?" - Wie bitte? Ach ja, Milch. Ja, gern.

Der Abgeordnete des Südschleswigschen Wählerverbandes (SSW), jener kuriosen, von der Fünfprozentklausel ausgenommenen Partei der dänischen Minderheit in Schleswig-Holstein, geht nach 25 Jahren Zugehörigkeit zum Landtag - ja, wohin? Ruhestand scheint nicht das passende Wort für den achtundsechzigjährigen Meyer zu sein, der den Eindruck vermittelt, man müsse ihm ein besonders schweres Kettenhemd anlegen, um seine Energien zu bändigen. Vielleicht nimmt er eine Art Sabbatjahr, oben bei seinen Schafen in Schafflund, oder er arbeitet wieder als Journalist.

Er hat keine Beihilfe aus Brüssel für die Mutterschafe beantragt, obwohl er berechtigt gewesen wäre: "Ich bin EU-Gegner. Nicht Europagegner.

Aber EU-Gegner." Solche Äußerungen ließe man nicht jedem durchgehen auf der überwiegend politisch korrekten landespolitischen Bühne, aber bei Meyer, dem unermüdlichen Streiter für die Rechte der südschleswigschen Dänen und der Friesen (nunmehr geschützt in Artikel 5 der Landesverfassung), weiß man einfach, wie es gemeint ist: irgendwie richtig. Für die Menschen. Dänisch eben. Schlecht über Meyer schreiben höchstens diejenigen, die ihm eine zu große Nähe zu den Sozialdemokraten vorwerfen, seit er 1987 nach Bekanntwerden der "Barschel-Affäre" mit seiner Stimme, deren er sich nicht enthalten wollte, in einer Pattsituation zwischen CDU/FDP und SPD/SSW Neuwahlen erzwang, aus denen Björn Engholm als strahlender Sieger hervorging.

Eigentlich ist die Beziehung eher umgekehrt: Die Sozialdemokraten mit ihren schwedischen Ferienhäusern, ihrer Ikea-Begeisterung und ihrer politischen Affinität zu Minderheiten verehren "Karl Otto" als eine Art ideellen Gesamtskandinavier.

Ministerpräsidentin Heide Simonis warb im jüngst bestrittenen Landtagswahlkampf gar persönlich für den SSW und trug vermutlich zu dem satten Stimmenzuwachs bei, der der Dänen-Partei einen zweiten Sitz im Landtag bescherte. Die sozialdemokratischen Lobpreisungen für Meyers Minderheitenpolitik klingen bisweilen, als seien dänische Studienräte ähnlich schwer in die deutsche Gesellschaft zu integrieren wie kurdische PKK-Sympathisanten.

Doch Karl Otto Meyer fürchtet keine Zuschreibung, wenn sie denn nützt: Er weiß, daß er als "Paradepferd" dient, manchmal auch als "exotische Pflanze" wahrgenommen wird, die, sagt er, je nach politischer Opportunität "entweder ordentlich begossen oder trocken gelassen wird". Weil der Vorzeigedäne die eigene Rolle realistisch sieht, schätzt er auch andere treffend ein: Ministerpräsident Stoltenberg, sagt Meyer, habe ihn zwar stets korrekt behandelt, sich insgeheim aber wohl oft gewundert, daß "so ein Einzelvertreter" ihm habe widersprechen dürfen. Barschel, mit dem er sich duzte: "Er hielt immer, was er versprach." So war Karl Otto Meyer denn auch nicht am meisten über Barschels Verstrickungen (an die er bis heute glaubt) entsetzt, sondern von der Art, "wie seine eigenen Leute ihn fallenließen". Björn Engholm, 1993 zurückgetreten, ist weiterhin ein Freund, den man allerdings anrufen muß, weil er sich von selbst nicht meldet: Den gestürzten Hoffnungsträger der SPD hält Meyer für ein würdiges "Staatsoberhaupt, gut für Ausstellungseröffnungen und visionäre Reden", aber weniger geeignet für die "knallharte politische Arbeit".