Einmal in die Welt entlassen, entwickeln die eigenen Kinder mitunter ein flottes Eigenleben. Das muß nun auch Gesamtmetall-Chef Werner Stumpfe erfahren. Mitte März hatte er das Bündnis für Arbeit für gescheitert erklärt. Bereits Wochen zuvor hatte er freilich bekannt, für weitere Verhandlungen kein Mandat zu haben, und das Ganze in die Regionen überwiesen. Und dort lebt das Bündnis, zumindest teilweise, munter weiter.

Wegweisend ist vor allem, was Anfang der Woche aus dem wichtigen Tarifbezirk Nordwürttemberg/Nordbaden zu hören war. Dort wollen die Verhandlungsführer das Bündnis für Arbeit auf eine "breitere Basis" stellen. Nicht allein, daß die tarifliche Ausgestaltung der Altersteilzeit und die Verlängerung des Tarifvertrags zur Beschäftigungssicherung in die Verhandlungen miteinbezogen werden soll. Der Stuttgarter IG-Metall-Chef Gerhard Zambelli und Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt wollen auch gleich die Lohnrunde des kommenden Jahres vorziehen. Die Skeptiker in der Gewerkschaft schimpfen nun, so werde die Bündnisidee ihres Vorsitzenden Klaus Zwickel auf den Kopf gestellt.

Tatsächlich würde es aber auf die Füße gestellt. Denn Zwickels Konzept, taktisch klug, krankt an der ökonomisch falschen Reihenfolge.

Eine gewaltige Vorleistung der Unternehmen - 110 000 neue Jobs - soll erst im kommenden Jahr mit einem niedrigen Tarifabschluß belohnt werden. Wenn nun schon bald die Löhne von 1997 feststünden, hätten die Betriebe zumindest etwas mehr Planungssicherheit. Zudem könnten einzelne Schritte zur Beschäftigungssicherung oder zur Schaffung neuer Jobs mit Lohnkomponenten verrechnet werden. Denkbar auch, daß den Unternehmen hierbei verschiedene Optionen angeboten werden. Und die Fragen der Altersteilzeit müssen schnell geregelt werden, wenn die Betriebe nicht bald junge Mitarbeiter feuern sollen.

Doch noch ist das mutige Konzept aus dem Südwesten längst nicht Wirklichkeit. Denn es ist schlichtweg nicht vorstellbar, daß die Baden-Württemberger die wichtigste Lohnziffer für das kommende Jahr im Alleingang ausbaldowern. Beide Seiten brauchen also die Rückendeckung ihrer Zentralen. Und es ist fraglich, ob die Mammutorganisationen Gesamtmetall und IG Metall, sogar intern oftmals uneins, sich so schnell auf eine Strategie festlegen können. Wenn der Frankfurter IG-Metall-Vorstand seine Zustimmung verweigere, sagt Zambelli, "dann gucken wir uns dumm an, aber zumindest haben wir es versucht".

Es wäre schade, wenn es bei dieser mageren Genugtuung für Hundt und Zambelli bliebe.