Tempo 30! Schule! warnen die Verkehrsschilder an einer Durchgangsstraße in Hamburg-Wilhelmsburg. Dirk S. jedoch reagiert nicht. Ohne abzubremsen, fährt er an ihnen vorbei, mit knapp sechzig Stundenkilometern.

Gleich darauf überfährt er die 79jährige Elli H. und tötet sie.

Es ist ein früher Herbstabend im Oktober 1995.

Dirk S. ist schon 26 Jahre alt, aber ein schmaler, blasser Junge geblieben. Zusammengesunken sitzt er vor dem Amtsgericht in Harburg; er trägt eine beige Schlabberhose und einen speckigen Blouson.

Unsicher wendet er sich vor der Verhandlung zu seiner Mutter um, die mit weit aufgerissenen Augen im Zuhörerraum sitzt. Als der Staatsanwalt ihrem Sohn "fahrlässige Tötung" vorwirft, verkrampfen sich ihre Hände um den Griff der alten Handtasche.

"Die Frau ist auf einmal mitten auf der Straße gestanden", erzählt Dirk. Er habe gebremst, versucht vorbeizukommen. Aber Dirks Manöver kommen zu spät, die alte Frau wird vom Auto erfaßt und weit durch die Luft geschleudert. "Die ist doch nicht vom Himmel gefallen", mahnt der Richter streng. Dirk gibt zu, er müsse unachtsam gewesen sein, denn "vor den Wagen ist die mir bestimmt nicht gelaufen".

Der Abend ist diesig, die Sicht schlecht, und Frau Elli H. trägt einen dunklen Mantel. Warum die alte Frau nicht den zwanzig Meter entfernten, hell beleuchteten Zebrastreifen benutzt, weiß niemand zu sagen. Dirk kennt sich "in der Ecke" aus. Wieso er dann die Tempobegrenzung nicht beachtet habe, will der Richter wissen.