Was wollte Chruschtschow mit dem Berlin-Ultimatum vom November 1958 erreichen? Wer ist verantwortlich für den Bau der Berliner Mauer? Und wie ging die zweite Berlin-Krise zu Ende? Die reichhaltigen Bestände des SED-Archivs erlauben es, diese Fragen sicherer zu beantworten, als es zuvor möglich war.

Michael Lemke vom Postdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung zeigt, daß es Chruschtschow zunächst um den Abschluß eines gesamtdeutschen Friedensvertrags ging: Er sollte nicht nur die bislang fehlende völkerrechtliche Anerkennung der DDR bringen, sondern sie auch von störenden Einflüssen aus dem Westen abschirmen und die Stationierung von Kernwaffen in der Bundesrepublik verhindern. Der "eigenagitatorische Zug" interner Situationsanalysen ließ die Gefahren, die von der westlichen Rüstungspolitik ausgingen, weit größer erscheinen, als sie tatsächlich waren.

Die "Störfreimachung" der DDR schloß die Beseitigung des Störfaktors West-Berlin ein. Für Ulbricht hieß das, die Westsektoren der geteilten Stadt so bald wie möglich der DDR einzuverleiben. Schon im Frühjahr 1958 wurde in einer ZK-Vorlage behauptet, die "faktische Machtausübung" im westlichen Teil Berlins sei der DDR "rechtswidrig entzogen" worden. Nachdem Chruschtschow seinen Vorschlag einer "Freien Stadt West-Berlin" publiziert hatte, gab ihm Ulbricht zu bedenken, daß West-Berlin "grundsätzlich zum Territorium der Deutschen Demokratischen Republik" gehöre. DDR-Bürgern sollte es nach seinen Vorstellungen "nur mit Zustimmung ihres Heimatstaates" erlaubt sein, die Bürgerschaft der Freien Stadt zu erwerben.

Chruschtschow hat sich das Maximalziel einer Einbeziehung West-Berlins in das "sozialistische" Lager grundsätzlich zu eigen gemacht.

Er war aber an einer einvernehmlichen Regelung mit den Westmächten interessiert und daher auch bereit, sich mit weit weniger zufriedenzugeben.

Für die Pariser Gipfelkonferenz vom Mai 1960 bereitete er ein Interimsabkommen vor, das einerseits den Verzicht auf Kernwaffenstationierung in West-Berlin und das Verbot "feindlicher" Tätigkeit von West-Berlin aus vorsah, andererseits aber auch die Aufrechterhaltung der Verbindungen West-Berlins mit der Außenwelt "in der bisherigen Form" garantieren sollte und der DDR Aktionen gegen West-Berlin untersagte.

Lemke zeigt einen Ulbricht, der - von ideologischer Militanz und wachsender Sorge vor einem Kollaps der DDR getrieben - immer ungeduldiger drängte, während Chruschtschow auf Zeit spielte und sichtlich um die Begrenzung des Risikos einer bewaffneten Konfrontation mit dem Westen bemüht blieb. Er bestätigt damit die Schilderung in den Erinnerungen von Julij Kwizinskij, der den Verlauf der Berlin-Krise als persönlicher Referent des sowjetischen Botschafters in der DDR miterlebte. Und er liefert einen weiteren Beleg dafür, daß Ulbricht bei aller Abhängigkeit von der sowjetischen Führung und grundsätzlicher Anerkennung ihres Führungsanspruchs oft maßgeblich auf den tatsächlichen Gang der sowjetischen Deutschlandpolitik Einfluß nehmen konnte.