Am Ende wird einem schwindlig. Mit seinem kleinen Neffen auf den Schultern balanciert Pierre auf dem Geländer einer eisernen Brücke.

Unweigerlich schiebt sich der Anblick der gigantischen Stahlstreben in den Vordergrund, ein imposantes Konstrukt zwischen Himmel und Abgrund, das die zwei winzigen Figuren am Bildrand schließlich verschluckt. Die Einstellung berührt einen wie sonst nur die Großaufnahme der Helden zum Happy-End oder zum tragischen Finale. Deshalb der Schwindel.

Der kanadische Theaterregisseur Robert Lepage erzählt in seinem Spielfilmdebüt von Menschen, ihren Verstrickungen und ihrer Schuld, indem er die Dinge zum Sprechen bringt. Über die Zeiten hinweg legen sie Zeugnis ab von dem, was geschah; in den Dingen ist das Vergangene gegenwärtig. Wer in der Lage ist, die Spuren zu lesen, der kann eine Geschichte erzählen.

Zum Beispiel diese: Ein Mann aus Quebec hatte zwei Söhne, Pierre und Marc Lamontagne. Der Mann erblindet und stirbt; anläßlich der Beerdigung 1989 sucht Pierre seinen Bruder und Marc seinen unbekannten Vater. Marc ist ein adoptiertes Kind; seine Mutter, die Schwägerin des Mannes, hatte ihn 1952 unehelich zur Welt gebracht und sich kurz nach der Geburt vor Scham das Leben genommen. Den Namen des Vaters hatte sie nur im Beichtstuhl preisgegeben, einem jungen, hübschen Priester, der wenig später spurlos verschwand.

Es ist derselbe Beichtstuhl in derselben Kirche, in dem Montgomery Clift einmal das Geständnis eines Mörders entgegennahm. 1952, auch das ist Teil der Geschichte, drehte Alfred Hitchcock in Quebec seinen Film "I Confess". Wie bei Hitchcock fällt der Verdacht auf den Priester, wieder wird das Beichtgeheimnis den Protagonisten zum Verhängnis, und wieder darf man dem Augenschein nicht trauen.

In "Confessionnal" leuchtet der Beichtstuhl von innen.

"Unsere Stadt", heißt es am Anfang über Quebec, "trägt ihre Vergangenheit mit sich herum wie ein Kind auf den Schultern." Pierre findet den Bruder und die Wahrheit, wenn auch zu spät. Marc ist mit seinem alternden Lover, der sich als der verschollene Priester aus dem Beichtstuhl zu erkennen gibt, nach Japan geflüchtet und schneidet sich in einem rituellen Akt die Pulsadern auf. Auch seine Mutter war ins Wasser gegangen, damals, auf der eisernen Brücke. Pierre nimmt die Bilder von den Wänden seines Elternhauses und streicht die Wände blutrot. Aber das Rot will nicht decken, die Leerstellen bleiben als helle Flecke erkennbar: Chiffren eines vergeblichen Lebens.