Fast könnte man es für einen paradiesischen Zustand halten: Seit nunmehr sechs Jahren hält das Wachstum der amerikanischen Wirtschaft an. Zwar ängstigt die Verschlankungswelle in der Industrie viele Arbeitnehmer in den Vereinigten Staaten. Trotzdem zeigt das Land der unbegrenzten Möglichkeiten in den neunziger Jahren eine wirtschaftliche Stärke wie seit den boomenden Fünfzigern nicht mehr.

Besonders aktiv sind die Investoren. Die Privatwirtschaft leitete den Investitionsboom mit ihren Ausgaben für neue Informationstechnologie ein. 1993 stiegen allein die Ausgaben für Computer um sagenhafte 52 Prozent und 1994 noch einmal um 27 Prozent. Dieses schnelle Wachstum der Investitionstätigkeit ließ auch die Produktivität der Arbeit nach oben schießen, von der viele Fachleute meinen, sie bestimme den Lebensstandard der Amerikaner. Es sollte daher als positives Zeichen verstanden werden, daß der Produktivitätsanstieg 1995 anhielt, obwohl das Wachstum sich verlangsamte.

So weit, so gut: Aber inmitten all der positiven Neuigkeiten hat sich der Lebensstandard der meisten Amerikaner seit dem Ende der Rezession 1991 keineswegs verbessert. Der Statistik zufolge lag das mittlere Familieneinkommen 1994 inflationsbereinigt bei 38 782 Dollar, ein Prozent unter dem Niveau von 1991. Diese jüngste Stagnation ist Teil eines Abwärtstrends seit den frühen siebziger Jahren.

Das durchschnittliche Wocheneinkommen von Arbeitnehmern, die in der Produktion und in anderen Jobs ohne Leitungsfunktion beschäftigt sind, fiel zwischen 1973 und 1995 um achtzehn Prozent - von 315 US-Dollar auf 258 US-Dollar pro Woche. Im Vergleich dazu stieg das Jahresgehalt von Spitzenmanagern zwischen 1979 und 1989 brutto um neunzehn und netto gar um 66 Prozent. Das hat scharfe Reaktionen ausgelöst. Federal-Reserve-Chef Alan Greenspan warnte im Juli 1995 den Kongreß, daß die wachsende Ungleichheit der Einkommen in den Vereinigten Staaten zu einer "bedeutenden Bedrohung unserer Gesellschaft" werden könnte. Ökonomienobelpreisträger Robert Solow vom Massachusetts Institute of Technology fürchtet gar eine Gesellschaft, "die niederträchtig und griesgrämig zu werden droht, beschränkt in ihren Möglichkeiten und voll von Angst vor der Zukunft". Und Felix Rohatyn, Teilhaber der Wall-Street-Investitionsbank Lazard Frères, spricht von einem "fortgeschrittenen Kapitalismus", dessen "rauhes und brutales Klima den Beteiligten eine strikte Disziplin" auferlege.

Schon seit der industriellen Revolution hat die Massenproduktion mit ihren automatisierten Vorgängen und standardisierten Produkten die gelernten Handwerker bedroht. Heute jedoch sieht sich ein viel breiteres Spektrum von Arbeitnehmern mittleren Einkommens bedroht, weil Informationstechnologien im produzierenden Gewerbe wie in den Dienstleistungsbranchen den Wandel vorantreiben.

In der Fabrikation hielt Lean production Einzug, jene Technik der Massenproduktion, die vor allem in Japan entstand und sich mittlerweile über die ganze Welt verbreitet hat. In Branchen wie der Auto- und Elektronikindustrie oder dem Maschinenbau zentriert sich die Bewegung auf drei Forderungen: Produkte müssen sich leicht montieren lassen, Arbeiter sollen in ihren Fähigkeiten wenig spezialisiert sein, und Lagerhaltung darf nicht viel kosten. Die zweite große Veränderung ergab sich für Dienstleistungsunternehmen wie Banken, Versicherungen und Kommunikationsanbieter. Hier veränderten Umstrukturierungsmaßnahmen, zusammengefaßt als Reengineering, die Arbeit vieler Angestellter und kosteten andere ihren Job. Die Reengineering-Experten vereinigten die Kenntnisse von Sachbearbeitern und mittleren Managern zu Software-Paketen, die auf simplen Desktop-Computern laufen.

Die Verschlankung der Industrie stellt wohl am besten die McKinsey-Studie "Manufacturing Productivity" von 1993 dar. Die Berater ermittelten in Automobil- und Maschinenbau eine überlegene Produktivität der Japaner und fanden heraus, daß der Bedarf japanischer Firmen an ausgebildeter Arbeitskraft mit steigender Produktivität nachließ.