Delhi

An einem Fenster klebt ein handgeschriebenes Plakat: "O Gott, rette den Congress. Gib ihm Licht. Wer soll uns führen? Wohin?"

Ein Hilfeschrei, der den Zustand dieser verwirrten, desillusionierten Nation ausdrückt. 590 Millionen Wähler sollen von Ende der Woche an jene Politiker bestimmen, die sie ins 21. Jahrhundert führen.

Doch die gibt es nicht. Die 111jährige Traditionspartei, der Congress, der Indien 45 Jahre lang regiert hat, geht langsam an Machtgier, Korruption und Arroganz zugrunde.

Eine Alternative wird dringend gebraucht. Denn in Indien hat der radikalste gesellschafliche Umwälzungsprozeß seit 3500 Jahren begonnen - eine Revolution. All jene, die bisher unten waren, drängen nach oben; sie fordern nicht nur Gehör, sie wollen die ganze Macht. Es sind die Unberührbaren, die Niedrigkastigen, die vielen Minderheiten, zusammen mehr als siebzig Prozent der Bevölkerung.

Zum ersten Mal wissen diese 650 Millionen, was ihre Stimme wert ist. Ohne sie kann niemand mehr etwas werden.

Tindharia heißt der Ort, in dem das konfuse Plakat am Fenster klebt. Der Flecken ist auf keiner Landkarte verzeichnet, er liegt in den Vorgebirgen des Himalaya. Dreck, Armut, Trostlosigkeit, ein einziger Slum. Das alte Tindharia mit seinen schönen Holzhäusern und den schmucken Bungalows ist unter Beton verschwunden. Am Dorfrand beginnen Erdmassen des Himalayas ins Tal zu rutschen, die steilen Berghänge sind abgeholzt. Gleich hinter Tindharia beginnt die brüllend heiße Gangesebene, das Herzland der Hindus.