So billig war Geld schon lange nicht mehr. Mit einer kräftigen Zinssenkung gab die Bundesbank am vorigen Donnerstag der Konjunktur das stärkste Signal, das ihr zu Gebote stand: Der Diskont, also der Zins, zu dem sich die Banken Geld beschaffen können, liegt nun wieder bei seinem historischen Tiefstand von 2,5 Prozent.

Doch schon werden Zweifel an der Standfestigkeit der D-Mark-Wächter kolportiert: Läuft in Deutschland nicht viel mehr Geld um als geplant? Wird die Bundesbank etwa nachgiebiger, "politischer", wie das Wall Street Journal vermutet? Könnte sie im Interesse des Wachstums sogar einen Wertverlust der deutschen Währung in Kauf nehmen?

Teilweise ist die Bundesbank zum Opfer ihrer eigenen Ideologie der Geldmengensteuerung geworden. Zwar wächst die Geldmenge derzeit tatsächlich über das vorgegebene Ziel hinaus, doch was bedeutet das schon: Zuvor war die Geldmenge planwidrig gesunken, ohne daß die Welt zusammengebrochen wäre. Die Summe von Bargeld, Giro- und Sparkonten ist eine wetterwendische Größe, jedenfalls taugt sie kaum als Richtmaß für Zinsentscheidungen. Alles spricht zur Zeit für eine Politik des billigen Geldes: Die Inflation liegt deutlich unter zwei Prozent, die Tariflöhne steigen eher noch langsamer, die Zinsen für langfristige Anlagen sind niedriger als in Amerika; auch die mißtrauischen Finanzhändler in aller Welt sehen kein Inflationsgespenst am Horizont.

Gut möglich, daß dieses Gespenst nicht nur weit weg ist, sondern gar nicht mehr existiert.

Ist die Inflation besiegt? Die Frage wird immer öfter gestellt und, bis vor kurzem noch undenkbar, auch von ernstzunehmenden Leuten mit "Ja" beantwortet. Den "Tod der Inflation" postuliert zum Beispiel Roger Bootle, Chefökonom einer britischen Bankengruppe, in seinem soeben erschienenen Buch. Er faßt auf populäre Weise zusammen, was andere denken: Die Globalisierung, so die These, hat der Inflation den Garaus gemacht. Lohn- und Preissteigerungen lassen sich im brutalen Wettbewerb immer weniger durchsetzen.

Jeder Versuch einer inflationären Politik durch Regierungen und Notenbanken wird von den Finanzmärkten umgehend mit Zinsaufschlägen und Kapitalflucht bestraft. Die Inflationsrate nähert sich dem Nullpunkt.

Bewahrheitet sich diese Vermutung, dann hat dies weitreichende Folgen. Die "Null-Ära" (Bootle) dürfte zum Beispiel den Abschied von regelmäßigen Tariflohnsteigerungen mit sich bringen. Der Produktivitätszuwachs der Wirtschaft würden dann eher durch Preissenkungen denn durch Lohnerhöhungen weitergegeben. Ausgedient hätte die Volksweisheit, wonach "immer alles teurer wird". Hausbesitzer könnten sich nicht mehr auf automatische Wertsteigerungen verlassen, Immobilien würden eine ziemlich riskante Anlageform.