Jeder halbwegs normale Bücherschrank hat eine Schamecke. Man erkennt sie daran, daß sie für die Hand unerreichbar ist. Sehr weit oben, und dort sehr weit hinten, stehen sie, die Bücher, die man gelesen und einmal sehr geliebt hat. Sie erinnern an Gefühle und Überzeugungen, die man nicht mehr hat und auch nie haben wollte. Vor diesen Büchern fürchtet man sich wie vor vertrockneten Spinnen und schämt sich doch, sie mit ihren verkrümmten Gliedern, ihren zerlesenen Seiten, eigenhändig in den Müll zu werfen. Eines Tages schenkt man eines von diesen rororo-Büchern in Rot und Schwarz seinen Kindern ...

Und was dann passiert, davon handelt dieser Text.

Blindgänger der Existenz

Von den vielen Gedanken dieses Jahrhunderts, denen man im Laufe eines Lebens nachhängen kann, sind einige, die uns von Jean-Paul Sartre geblieben sind, sehr anhänglich: Du bist verurteilt, frei zu sein. Du hast keine Chance, also nutze sie. Warte nur, eines Tages springt dich das Absurde an der Straßenecke wie Fritz Haarmann an. Und vergiß nicht, die Hölle, das sind die anderen. Das war das Credo, das Lebensgefühl einer Generation, groß geworden in den Bombenkratern der Nachkriegszeit, zigarettenstummeltauschend.

Versehrt, aber mit dem Leben davongekommen, verstand man ganz gut, was die Philosophen mit dem "Geworfensein" des Menschen meinten.

Selbst nur ein Blindgänger der Existenz in einer sinnlos gewordenen Welt, fühlte man sich zwischen all den Ruinen überzählig, überflüssig.

Man hatte nichts in der Hand, war nichts, und doch war man das einzige, worauf man zählen konnte.