Die Rede ist hier nicht von Tapeten. Denn Rauhfaser ist keine Tapete, auch wenn sie tapeziert wird. Sie ist - technisch gesehen - weniger als eine Tapete, nämlich ein Halbprodukt. Erst wenn das rauhe Papier mit den eingearbeiteten Holzfasern an der Wand klebt und mit Farbe gestrichen worden ist, darf es als Tapete bezeichnet werden, sagt die Tapetenindustrie. Der Seniorchef der Wuppertaler Papierfabrik Erfurt und Sohn, des weltweit größten Produzenten von Rauhfaser, erklärt das so: "Es besteht eine gewisse Haßliebe zwischen den Tapetenherstellern und uns. Wenn es in einer Ausschreibung zur Innenausstattung hieß: ,Tapete`, dann sagten die Tapetenhersteller: also keine Rauhfaserpapiere." Diese Angelegenheit sei sogar vor dem DIN-Normenausschuß debattiert worden. "Aber der Markt ist darüber hinweggegangen." Sein Unternehmen erwirtschaftet 150 Millionen Mark Umsatz im Jahr - hauptsächlich mit dem Halbprodukt. Auf zwei verkaufte Rollen fertiger Tapete kommt eine Rolle Rauhfaser.

"Theoretisch ist Tapete eine gute Sache, nur zum Tapezieren taugt sie nicht", sagt Meier in dem Kinofilm "Meier" zu seiner Malerbrigade.

Rauhfaser läßt sich um einiges schneller an die Wand kleben. Kein Muster, kaum Verschnitt, einfach anstreichen - fertig. Deshalb schmuggelt Meier das körnige Papier gleich in rauhen Mengen über die innerdeutsche Grenze. In Westdeutschland sei es ein Massenprodukt, in der DDR Mangelware von schlechter Qualität gewesen, sagt der Geschäftsführer des Verbandes deutscher Tapetenfabrikanten, Klaus Kunkel: "Ein schlimmes Zeug, da sind die Holzsplitter ja nur so von der Wand gefallen." Auch an den Wänden gab es eine Wende: Die einzige ernstzunehmende Konkurrenz für Erfurt und Sohn sitzt im sächsischen Lunzenau.

"Wir sind das Stammgebiet der Rauhfaser", sagt die Leiterin des (Gesamt-)Deutschen Tapetenmuseums in Kassel, Sabine Tümmler. Die Deutschen sind Weltmeister im Tapezieren. Pro Kopf kaufen sie über zwei Rollen im Jahr. In England sind es 1,4 und in Frankreich 1,1. In der Bundesrepublik würden 140 Millionen Rollen fertige Tapete plus 55 Millionen Rollen Rauhfaser im Euromaß zu zehn Metern produziert, berichtet Klaus Kunkel. Der Export geht hauptsächlich nach Österreich oder in die Schweiz. Nur kleine Mengen des deutschen Kulturgutes werden in die weitere Welt entsandt. In Frankreich ist sie nur selten anzutreffen, am ehesten in Elsaß-Lothringen.

Die Engländer ziehen Kitsch- und Blumendekor vor. Chinesen haben vor einigen Jahren einige Tonnen bei Erfurt und Sohn geordert.

Polen und Rußland seien neue Märkte, berichtet Wilhelm F. Erfurt.

Südafrika, Ägypten und die Türkei versuchen Handelsvertreter zu erschließen.