Walter Mehring war im Grunde immer so etwas wie der kleine Bruder Kurt Tucholskys. Was ihn nach 1945 noch mehr fuchste, als jener, längst tot, zum Klassiker der Moderne und Bestsellerautor aufstieg.

War das gerecht? Hatte Tucholsky ihn einst nicht selbst für begabter und vielseitiger gehalten?! Nichts zu machen, das große Publikum liebte Mehring einfach nicht. Zu sehr verstieß er gegen die Konventionen, provozierte um jeden Preis, war ungläubig, anarchistisch, freigeistig.

Mehrings Werk verkaufte sich nicht, die meisten Ausgaben lagen wie Blei in den Regalen. Daran änderte auch die vorzügliche zehnbändige Werkausgabe nichts, deren Beginn Mehring noch erleben durfte, ediert - 1978 bis 1984 - von Christoph Buchwald. Noch heute klagt der Claassen Verlag über ihre Unverkäuflichkeit - zu bekommen sind die Bände im flammendroten Kittel erfreulicherweise weiterhin.

Nun ist, als leider nicht ebenbürtige Ergänzung, aber pünktlich zum hundertsten Geburtstag am 29. April, ein Büchlein mit Mehrings Exilpublizistik aus den Jahren 1933 bis 1939 erschienen. Glossen, Satiren, Randnotizen, Sprach- und Geschichtsstudien, Nachrufe.

Fünfzig Texte, vor allem bekanntere und leichter zugängliche aus Leopold Schwarzschilds Wochenschrift "Das Neue Tage-Buch". Keine politischen Leitartikel, keine Durchhalteparolen, sondern kühle, geschichtspessimistische Analysen, anfangs bissig, verhöhnend, später zunehmend melancholisch. Die Gemütsverfassung eines Vertriebenen widerspiegelnd. Trostlos war die Zeit, von Hoffnung keine Spur.

Und Mehring kam nicht los von seiner Heimat.

Am Tag vor dem Reichstagsbrand hatte Mehring gerade noch den Zug erwischen können. In Paris, dann in Wien setzte er seine Arbeit fort. Er las Wieland und Lessing und Schiller und Goethe und Kant und bemerkte: "... bei welchem der großen Autoren man auch nachliest: keiner wäre verschont geblieben." Ausgiebig betätigte er sich als "Sammler der Symptome brauner Geistesverfassung", verhohnepipelte die Sprachgewalt der neuen Herren, gab Hitler Sprachunterricht, zupfte die Blüten nazistischer Literatur heraus.