Abbé Pierre ist ein guter Mann. Vielleicht der beste, den Frankreich hat. Jedenfalls der beliebteste, laut sämtlichen Umfragen. Sein Name steht für Barmherzigkeit und Edelmut. Er hat das Hilfswerk Emmaus begründet. Er rührt das Volk zu Tränen und treibt Minister zur Weißglut. Arme, Obdachlose und Asylsuchende haben sein Ohr.

Der Abbé Pierre, bürgerlich Henry Grouès, ist Frankreichs Gewissen in Béret und Soutane - eine Art lebender Heiliger.

Roger Garaudy ist ein schlimmer Mann. Von weit links kommend, hat er sich über den Atheismus, den Protestantismus, den Katholizismus und den Islam nach weit rechts bewegt. Seriöse Verleger weisen seine Bücher zurück. Wegen seines jüngsten Werkes ("Die Gründungsmythen der israelischen Politik") muß er demnächst vor Gericht; die Antirassismusbewegung bezichtigt ihn der "Leugnung von Verbrechen gegen die Menschheit".

Zwar streitet er den Holocaust nicht rundweg ab, hingegen verharmlost er ihn. Statt von Genozid spricht er lieber von Pogromen. Gegen die Nürnberger Prozesse zieht er zu Felde. In seiner Abrechnung mit dem Staate Israel sät er Zweifel - geschickt, raffiniert, heimtückisch: "Für die Geschichtswissenschaft ist nichts unantastbar."

Abbé Pierre ist ein Freund von Roger Garaudy, seit einem halben Jahrhundert schon. Nun hat er ihm einen langen fünfseitigen Brief geschrieben. Der beginnt mit "Très cher Roger" (Liebster Roger) und schließt mit "Dein Bruder". Ganz Frankreich stockt der Atem.

Zuerst glaubten die meisten an einen ganz, ganz schlechten Witz.

Dann an eine Manipulation. Zuletzt an eine Verkürzung. Doch inzwischen steht fest: Der gute Abbé pflichtet dem schlimmen Roger bei. "Dein Buch mit dem Revisionismus in Verbindung zu bringen ist eine Verleumdung", steht in dem formvollendeten Schreiben. Er lobt die "minutiöse Forschungsarbeit" und erwähnt seinerseits die "überschätzte Zahl" der Auschwitz-Opfer. Garaudys Buch hat der Abbé freilich, wie er einräumt, lediglich überflogen.