Sarajevo

Das Hotelzimmer im "Holiday Inn" zu Sarajevo ist angenehm frisch durchlüftet. Der Grund: Das Fenster schließt nicht mehr, seit ein Schuß den Metallrahmen genau in der Höhe des Verriegelungsgriffs zerfetzt hat. In der gelben Kunststoffverkleidung der Außenmauer sitzen ringsum zwölf Einschußlöcher.

Der Blick schweift aus dem Fenster über eine trostlose Ruinenlandschaft.

Die gläsernen Zwillingstürme der Firma Unis, im alten Jugoslawien einst das sechstgrößte Unternehmen, sind gründlich zerstört, abgefallen die Fassadenverblendungen, zerborsten die Scheiben. In dem einen Turm hat Unis acht Stockwerke wiederhergerichtet. Dort residieren die deutsche Botschaft und das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR). Die Fahrstühle gehen nicht, das Treppenhaus ist düster. Der andere Turm ist total ausgebrannt. Blind starren die leeren Fensterhöhlen auf die Trümmerberge, auf Sniper Alley, auf die nahen Berge mit ihren Bunkerresten. Mitten im Schutt blühen die ersten Forsythien, in den verwüsteten Vororten strecken sich die Schlüsselblumen der Sonne entgegen.

"Und neues Leben blüht aus den Ruinen"? Nun: Es zeigen sich die ersten Regungen. Die Panzerwracks, die ausgebrannten Omnibusse und Straßenbahnwaggons, hinter denen die Menschen während der dreieinhalb Kriegsjahre Deckung vor den Heckenschützen suchten, sind aus dem Wege geräumt. Hier und dort verschwinden die ersten Schutthaufen. Das UN-Flüchtlingskommissariat, das überall in der Stadt Plastikplanen als provisorische Fensterscheiben verteilt hatte, läßt jetzt Tag für Tag 300 Wohnungen neu verglasen. Dazu wurde aus jüngst entlassenen Soldaten eine bataillonsstarke Mannschaft von Handwerkern zusammengestellt. Auf dem Markt der Altstadt, wo im Februar 1994 bei einem Artillerie-Überfall 68 Menschen ums Leben kamen, geht es wieder zu wie in den alten Basar-Zeiten.

Aber Sarajevo ist bis heute eine blutende Stadt. Vor dem Kriege zählte sie 450 000 Einwohner. Davon flüchteten 150 000; für sie kamen 100 000 Vertriebene aus Ostbosnien. 11 000 Bürger wurden während des Krieges getötet, darunter 1600 Kinder; 60 000 trugen Verwundungen davon. Sechzig Prozent der Wohnungen sind zerstört oder schwer beschädigt worden. Nach den Jahren der Belagerung schrecken viele Bürger Sarajevos, hochgejagt von ihren Alpträumen, noch heute jede Nacht aus dem Schlaf. Zumal in den Kindern lebt das Trauma fort. Wie Leichentücher ziehen sich die Friedhöfe mit ihren weitläufigen neuen Gräberfeldern die Hügel empor: ständige Erinnerung an den überstandenen Schrecken. "Es war schwierig damals, nicht den Verstand zu verlieren" - der Satz des Kardinals Pulic ist allen aus dem Herzen gesprochen.

Das wirtschaftliche Leben ist in den Kriegsjahren zum Erliegen gekommen. Die Leute zehrten ihre Ersparnisse auf und lebten von 2, 4, 6 Mark im Monat. Wer 100 Mark aus Deutschland überwiesen bekam, war ein König; ein Rentner erhielt 1,50 Mark im Monat.