Die Sonne versinkt hinter den Alpen. An einem oberbayerischen Teichufer trifft sich die Tierwelt zum abendlichen Schichtwechsel.

Gänsesäger, Tafel-, Kolben-, Reiher- und Stockenten dümpeln auf der rot spiegelnden Wasseroberfläche. Wildgänse grasen am Ufer.

Ein Graureiher hebt ab, um seinen Schlafbaum anzusteuern. Unermüdliche Rauchschwalben und Mauersegler jagen noch nach Insekten. Doch ihre nächtliche Konkurrenz von der Fledermausfraktion ist auch schon da: Große Abendsegler flattern um Baumkronen. Ihr Tisch ist reichlich gedeckt: Zoologen haben hier allein 360 Arten von Nachtfaltern gezählt. Ein Waldkauz reckt den Kopf aus seiner Schlafhöhle, um zu schauen, wie tief die Sonne schon gesunken ist. Im langsam nachlassenden Vogelkonzert tritt bereits die Stimme der Nachtigall hervor. Wir sind mitten in München, im Park des Schlosses Nymphenburg, wo täglich Hunderte von Spaziergängern promenieren. Straßen, Wohnsiedlungen und Gewerbegebiete umschließen die Anlage.

Ein ähnlich beschauliches Naturerlebnis hätten wir auch in Frankfurt, Hamburg oder Leipzig genießen können. Wer glaubt, in Städten lebten nur Tauben, Spatzen und Ratten, irrt gewaltig. Je größer die Metropole, desto reicher das Leben. Allein in Berlin brüten knapp eine Million Vögel aus 141 Arten, darunter über 100 Pirol-Paare. Das sind mehr als in den Auen am Oberrhein, in den einsamen Wäldern an der Müritz oder im Bergwald des Berchtesgadener Landes. Der Botaniker Wolfgang Kunik zählte allein in der Innenstadt 380 Pflanzenspezies. "Wenn ich einem Kollegen aus Südamerika eine möglichst große Vielfalt europäischer Arten zeigen wollte, würde ich mit ihm nach Berlin fahren", sagt Josef Reichholf, Biologieprofessor in München und Vorstandsmitglied des World Wide Fund for Nature (WWF). Vier Wildschweinmütter und ihre sechzehn Frischlinge legten kürzlich auf dem Spandauer Damm den Berufsverkehr lahm. "Erst hebeln sie mit der Schnauze die Gartentür aus den Angeln", berichtet ein Anwohner, "dann pflügen sie unsere Gemüsebeete um."

Eine durchschnittliche europäische Großstadt beherbergt 18 000 Tierarten, ermittelte der Leipziger Professor Bernhard Klausnitzer.

In Frankfurt am Main leben laut Umweltdezernat 102 Vogel-, 14 Amphibien-, 2000 Käfer- und 33 Ameisenarten. Eines der wertvollsten Insektenbiotope der Mainmetropole ist der Gebrauchtwagenmarkt an der Borsigallee. Bei einer Umfrage gaben 420 Hamburger Bürger der Forstbehörde Hinweise auf Steinmardernester. In der Nähe des Bahnhofs Altona müssen die flinken Pelztierchen vorsichtig sein, denn dort hat ein Uhu sein Revier. 1400 Hamburger meldeten sich nach einem Aufruf des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) und berichteten, daß sie Rotkehlchen beobachtet hatten. Fazit des Nabu: Der Vogel des Jahres 1992 zieht in die Stadt. Gotthard Dobmeier, Umweltbeauftragter der Erzdiözese München und Freising, verkündet stolz, daß 90 Prozent der 260 Fledermauskolonien Bayerns in Kirchen und Klöstern hängen, darunter auch die größte Ansammlung Mitteleuropas (2300 Tiere). Seit in geweihten Dachstühlen auf die teuflischen Flattermänner Rücksicht genommen wird, feiern sie ein erstaunliches Comeback.

Bei einer Biotopkartierung bayerischer Starkstromtrassen stellte sich heraus, daß die 285 Quadratkilometer unter den Freileitungen ein erstklassiges Refugium für Tiere und Pflanzen sind. Die Fachleute fanden unter den Masten viele "Schlüsselarten des Naturschutzes", wie Steppenanemone, Frauenschuh und Fliegenragwurz. Sie kamen zu dem Schluß, daß auch der Erhalt der letzten großen Kreuzotterbestände Strom- und Gastrassen zu verdanken sei. Strommasten sind inzwischen auch bevorzugte Brutplätze der Fischadler geworden. In Mecklenburg-Vorpommern nisten dort 85 von 106 Paaren. Biologen fanden heraus, daß die Greife ihre Nestunterlage sehr klug auswählen. Die Mastbewohner haben einen um elf Prozent höheren Bruterfolg als ihre Artgenossen auf Bäumen, denn ihre Nester sind weniger absturzgefährdet und für Bruträuber, wie Habichte, schwerer zugänglich. In den sechziger Jahren galten Fischadler als praktisch ausgestorben. Nach Ansicht der Vogelkundler tragen die neuen Brutstätten wesentlich dazu bei, daß sich der Fischadlerbestand in Deutschland wieder erholt.