Der Graf nahm seine weiße Schiffermütze ab und versammelte die Mannschaft zu einem Gebet. An jenem Abend des 2. Juli 1900 hatten die Böen nachgelassen, und der Bodensee schimmerte spiegelglatt.

Aus einer haushohen, schwimmenden Montagehalle, die in der Bucht des Friedrichshafener Ortsteils Manzell verankert war, zerrten Schleppdampfer ein Floß. Darauf befand sich das gewaltigste Luftgefährt, das die Menschheit je gesehen hatte. Das wurstförmige Ungetüm aus Aluminium war 128 Meter lang und hatte einen Durchmesser von 12 Metern. Um 8.03 Uhr gab Graf Ferdinand Adolf August Heinrich von Zeppelin, der eine der beiden Gondeln bestiegen hatte, das Kommando: "Taue abwerfen!" Die Turner und Feuerwehrleute, die die Seile umklammert hielten, ließen erschöpft los. Von Tausenden von Hurrarufen begleitet, entschwebte LZ 1, der erste Zeppelin, zu einer achtzehnminütigen Fahrt über den Bodensee.

Dieser erste Flug eines lenkbaren Luftschiffes mit starrer Metallkonstruktion, von Wasserstoff getragen, wurde euphorisch gefeiert. Dabei hatte noch Monate vorher ein Lokalblatt genüßlich den Kommentar eines Schwaben rapportiert, der vom 62jährigen Grafen und pensionierten Offizier behauptet hatte: "Dös ischt e Narr. Der guate Mann moint, er könnt' durch d' Luft fahre!" Aus dem "Irrenhauskandidaten" wurde in jenen Tagen des wilhelminischen Pickelhauben-Nationalismus der "Beherrscher der Lüfte". Insgesamt wurden 119 Zeppeline zusammengeschraubt.

Von den Prototypen der Pionierjahre, die an Jules-Verne-Abenteuer erinnerten, über die Bomber des Ersten Weltkrieges bis hin zu den fliegenden Luxuslinern, die in edler Innenausstattung - Teak und Mahagoni - bis zu 72 Passagiere über den Atlantik beförderten.

Erst die Havarie der LZ 129 Hindenburg am 6. Mai 1937 im amerikanischen Lakehurst, von der die Öffentlichkeit ebenso geschockt war wie vom Untergang der Titanic, beendete die Ära der majestätischen Wolkenstürmer. Reichsluftfahrtminister Göring, dem mehr an der Entwicklung von schnelleren und wendigeren Kampfflugzeugen lag, ließ 1940 die beiden letzten Luftschiffe Graf Zeppelin und Graf Zeppelin II abwracken und die Konstruktionshangars sprengen.

In Friedrichshafen geriet Graf Zeppelin nicht in Vergessenheit.

Aus der von ihm 1908 dank Lotterie-Einnahmen und "Volksspende" gegründeten Luftschiffbau Zeppelin GmbH sind Unternehmen wie die Zahnradfabrik Friedrichshafen, die Dornier-Werke oder die Maybach-Motorenbau GmbH (jetzt MTU) hervorgegangen, die heute noch zum Renommee des Bodenseeortes als einer Hochburg der Luftfahrtindustrie beitragen.