ARD, Sonntag, 21. April: "Ein Haus

in Deutschland" Wer hat nicht schon mal vor einem dieser großen abweisenden Mietskästen - 16stöckig, 132 Wohnungen - gestanden und sich gefragt, was das wohl für Menschen seien, die so ein Haus bewohnen: wie sie sich eingerichtet haben, ob sie lieber wegwollen, welcher Arbeit sie nachgehen, wie's um das Familienleben bestellt sei und ob man einander grüße im Fahrstuhl und im Flur? Jetzt macht es das Fernsehen möglich. Am Jurij-Gagarin-Ring in Erfurt steht ein "Haus in Deutschland", dessen Mieter von Christiane Ehrhardt vor die Kamera geholt wurden und ihre Geschichten erzählt haben.

Das Haus am Jurij-Gagarin-Ring, erbaut 1970, ist ein Platten-Ungetüm von der verschrienen Sorte; jetzt ist es auch noch heruntergekommen und müßte saniert werden. Aber der Kommunalen Wohnungsbaugesellschaft fehlen die Mittel, und so guckt das Haus seine Bewohner von Tag zu Tag grimmiger an. Die werden damit fertig. Sie haben andere Sorgen als ein schönes Entrée. Und in den vier Wänden - immerhin mit Warmwasser und Fernheizung - haben sie es sich urgemütlich gemacht. Das Haus ist zu groß für Kommunikation. Es fordert zum Rückzug auf. Eine Dame lebt schon 25 Jahre hier und kennt "nur eine Handvoll Leute".

Der ältere Herr vom Scharfschützenverein trainiert zu Hause vor der Schießscheibe: "Ich wäre liebend gern Offizier geworden. Oder Tänzer." Eine Witwe schreibt Gedichte, richtige mit Rhythmen: "Die Kalender löschen die Jahre aus." Und der Behinderte, der Mann, dem bei einer Explosion beide Hände weggerissen wurden, der lange brauchte, bis er das begriff - er hat hier das Glück gefunden: eine Frau, ein Söhnchen, neuen Lebenssinn.

Recht schlecht ist die gekündigte Schlosserin dran, die aus Frust zur Dicken wurde: Sie wird bald Arbeitslosenhilfe beantragen müssen.

Der Sohn aber soll trotzdem proper aussehen, sie schneidet ihm selber die Haare.

Christiane Ehrhardt hat mit diesem konzentrierten Protokoll eines Stückes sozialer Jetztzeit gezeigt, was Fernsehen vermag, wenn es auf seine dokumentarischen Fähigkeiten baut und wenn eine Regisseurin es versteht, zu kombinieren und zu gewichten. Die beiden Thesen - vom raschen Wandel in der ehemaligen DDR und die von der Schwerkraft der alten Verhältnisse -, sie werden beide belegt und unterstützt durch diesen Neunzig-Minuten-Film, und zwar durch das einzig wirklich tragfähige Argument: das Leben der Leute.