Das gibt's nur einmal und nur in Weimar: ein Musikgymnasium. Angefangen hatte es gegen Ende des vorigen Jahrhunderts mit Vorschulen für talentierte Jungen und Mädchen, die erst der Musikschule, schließlich der (Franz Liszt gewidmeten) Musikhochschule attachiert waren, bis vor fünf Jahren diese ungewöhnliche Institution daraus geworden ist, die einzige im ganzen Land, ein Internat für 130 Schüler von überall. Vormittags lernen sie, was alle Gymnasiasten zu lernen kriegen; ihre Nachmittage (und nicht selten auch die Abende) gehören indessen der Musik. An die 40 Fachlehrer und Musiker kommen hier herauf, um sie auf ihren Instrumenten zu unterweisen.

Man kann sich dafür schwerlich einen anregenderen Ort als das drei Kilometer südlich der Stadt auf einer Hügellandschaft errichtete Schloß Belvedere denken, nach dem die Schule benannt ist: eine barocke, vom Rokoko verzierte Anlage rings um einen Ehrenhof.

Das Hauptgebäude mit seiner verspielten Laternenkuppel und die mit wunderlichen Hauben gekrönten Flügel links und rechts enthalten seit siebzig Jahren ein Rokokomuseum. Die vier Kavaliershäuser und ein paar andere Gebäude dienen vor allem der Musikhochschule mit Übungsräumen, aber eben auch dem Musikgymnasium als Unterkunft.

Zur Zeit wird das sehr hinfällige Gemäuer nach und nach restauriert, auch die östlich gelegene klassizistische Orangerie.

Größter Profiteur dieser Anstrengung aber ist das Musikgymnasium.

Ein westlich vom Schloßkomplex gelegener Dreiseithof ist dafür wiederhergestellt worden, nun aber kam ein Neubau hinzu, der schon seiner prägnanten modernen Gestalt wegen die Augen stutzen läßt und auch alle Aufmerksamkeit verdient - zumal in Weimar, das die vielen Umstürzler namentlich in den zwanziger Jahren zwar zeitweilig geduldet hat, aber niemals stolz auf sie war. Konservative Geister hatten deshalb auch bei diesem Gebäude und seiner radikalen Architektur gemurrt. Der Verein der Grünen Schlange glaubte "die Einmaligkeit des Ortes Belvedere verletzt", die Stiftung Weimarer Klassik und ihre Konservatoren fürchteten "um den besonderen Charakter des Ortes".

Was der Kölner Architekt Thomas van den Valentyn - bekannt geworden nicht zuletzt durch das Hotel "Domicil" und den Kammermusiksaal des Beethovenhauses in Bonn - zusammen mit seinem Partner S. Mohammad Oreyzi entworfen hat und hier wirklich hat bauen dürfen, ist tatsächlich weder lieblich noch unauffällig, es reflektiert in seiner Architektur auch weder Barock noch Klassizismus, statt dessen die klassische, die weiße Moderne unseres Jahrhunderts. Obwohl Weimar das Nest war, in dem das Bauhaus diese Spielart der Moderne von 1919 an ausgebrütet hatte, findet sich in der Stadt kein Beispiel davon.