Im Wald von Bocaiuva trifft man auf eine vorbildliche Köhlerei: Die Öfen sind von Sicherheitsmauern umgeben, die Arbeiter tragen Schutzmasken, eine Tafelaufschrift kündigt die Lohnauszahlung für den nächsten Tag an. In einiger Entfernung von den Öfen stehen einfache, aber annehmbare Unterkünfte für die Arbeiter. Köhlerei und Wald gehören Mannesmann. Eine Insel deutscher Ordnung mitten in der Hölle?

Die brasilianische Mannesmann S/A, zu 75 Prozent eine Tochter der Mannesmannröhren-Werke AG in Mülheim/Ruhr, die wiederum der Mannesmann AG in Düsseldorf gehört, produziert in Belo Horizonte im Bundesstaat Minas Gerais Roheisen und Stahlrohre. 1954 begann die Mannesmann ihr Engagement in Brasilien und wuchs als Lieferantin für die staatliche Ölgesellschaft Petrobas zum marktbeherrschenden Konzern. Sie beschäftigt 9000 Menschen. Davon arbeiten 2400 bei der Tochter Mannesmann FI-EL Florestal, einer "Forstgesellschaft", wie der technische Unternehmensvorstand Horst Biller am Mannesmann-Sitz in Belo Horizonte erklärt. Im Norden von Minas Gerais besitzt die Firma, auf 28 Fazendas verteilt, 230 000 Hektar Land.

In den sechziger Jahren, als die Militärdiktatur den Import drosselte, sah sich Mannesmann gezwungen, die Einfuhr deutscher Steinkohle zu stoppen und durch eine brasilianische, staatlich geförderte Alternative zu ersetzen: Holzkohle. Der Naturwald wurde abgeholzt und verkohlt, dann wurden schnellwachsende Eukalyptusbäume gepflanzt.

Am 9. Mai 1994 unterschrieb ein Repräsentant der Mannesmann in Brasilien, Hardo Hahne, einen Termo de Compromisso, eine juristische Verpflichtung, bei der Staatsanwaltschaft in Belo Horizonte. Die in der brasilianischen Rechtsprechung üblichen Abkommen beenden eine juristische Strafverfolgung, wenn der Unterzeichner sich bereit erklärt, innerhalb einer bestimmten Frist kriminelle Praktiken aufzugeben. "Das Unternehmen erkennt darin an, daß es die Gesetze verletzt, und verpflichtet sich, die Rechtslage herzustellen", erläutert Lélio Bentes, Präsident der Vereinigung von Staatsanwälten im Arbeitsrecht in Brasilia und Spezialist für die juristische Verfolgung von "Sklavenarbeit". Er und sein Kollege Joao Pedro Ferraz, damals Brasiliens Generalstaatsanwalt für Arbeitsrecht, haben den Fall Mannesmann bearbeitet.

Mannesmann verpflichtet sich in dem Vertrag auch für die Subunternehmer, die auf ihrem Gelände Holzkohle herstellen, zur "Registrierung aller Arbeiter", "Leistung der Sozialabgaben" und zur "Ausstellung von Belegen über Löhne", die vollständig und regelmäßig ohne Abzüge ausgezahlt werden müssen. Den Köhlern müssen Arbeitsverträge und Schutzausrüstungen gegeben werden. Mannesmann allein trage die Verantwortung für den Gesundheitsschutz auf dem Gelände und beim Transport. Innerhalb von neunzig Tagen fordert das Dokument die Errichtung von Wohnungen für die Arbeiter "in mindestens fünfzig Meter Entfernung von den Öfen" mit "Mindestanforderungen an Komfort, Hygiene und Sicherheit". Schließlich untersagt die Erklärung Mannesmann oder ihren Subunternehmern, Kinder unter vierzehn Jahren arbeiten und Jugendliche Schwerstarbeit leisten zu lassen. Es fordert die Einhaltung besonderer Schutzrechte für Frauen.

Horst Biller von Mannesmann erklärt: "Wir haben nie Kinder beschäftigt."

Mannesmann selbst habe bei internen Kontrollen einige Unregelmäßigkeiten bei den Subunternehmern festgestellt und reagiert. Die Staatsanwaltschaft habe darauf keinen Einfluß gehabt. Auf den eigenen Köhlereien habe man immer die Gesetze beachtet. "Wir sind schließlich ein deutsches Unternehmen", sagt Biller. "Die Subunternehmer waren allerdings nicht alle immer zu kontrollieren."