Michael Strauss, 46, ist Professor für Zellbiologie an der Berliner Humboldt-Universität. Am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) leitet er die Max-Planck-Arbeitsgruppe "Zellteilungsregulation und Gensubstitution".

Rund 250 Wissenschaftler trafen sich vergangenes Wochenende in Berlin zum 4. Internationalen Gentherapiesymposium am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC). Gentherapeutische Strategien gegen den Krebs bildeten einen Schwerpunkt. Die Gruppe des Berliner Zellbiologen Michael Strauss arbeitet an einer neuartigen Methode, mit der womöglich alle Krebsarten bekämpft werden könnten. Dabei möchten die Forscher in den Tumorzellen den programmierten Zelltod auslösen. Diese sogenannte Apoptose ist bei vielen Krebszellen wegen eines Gendefekts außer Kraft gesetzt. Während die Gentherapie noch in den Anfängen steckt, glaubt Strauss, daß das Wissen über die zellulären Abläufe in Tumorzellen schon heute zu einer dramatischen Konsequenz für die herkömmliche Strahlen- und Chemotherapie führen müßte: Bei vielen Patienten könnte auf diese leidvollen Behandlungen verzichtet werden, weil sie kaum eine Aussicht auf Heilung haben, lautet Strauss' umstrittene These.

ZEIT: Was kann eine Gentherapie bei Krebskranken bewirken?

Strauss: Bei einer Gentherapie für Krebs muß es generell das Ziel sein, die Tumorzellen auszumerzen. Bei vielen Krebszellen ist durch einen Gendefekt ein Sicherungsprogramm außer Kraft gesetzt, die sogenannte Apoptose. Dieser programmierte Zelltod sorgt normalerweise dafür, daß kranke oder fehlgesteuerte Zellen sterben. Wir schleusen bei der Gentherapie nun zwei Ersatzgene in die Tumorzelle: Das eine soll zunächst das ungehemmte Wachstum stoppen, das andere namens p53 kann dann die Apoptose auslösen. p53 ist so etwas wie der Wächter des Genoms. Wenn im Erbgut der Zelle irreparable Fehler auftreten, schickt er sie in den Tod. Beim Wachstum eines Tumors fällt p53 aber irgendwann aus.

Das veränderte p53-Gen kann mit dem PCR-Verfahren nachgewiesen werden. Bei etwa fünfzig Prozent der Tumoren ist es zum Zeitpunkt der Diagnose bereits ausgefallen. Der Krebs ist dann im Endstadium und nicht mehr aufzuhalten. Bis auf einen chirurgischen Eingriff ist alles zu spät. Strahlen- und Chemotherapie sind nicht mehr anwendbar, und man sollte den betroffenen Patienten diese belastende Behandlung ersparen. Eine Ausnahme sind allerdings Tumoren des lymphatischen, blutbildenden Systems, wo p53 eine nicht so entscheidende Rolle spielt.

ZEIT: In Deutschland werden also jährlich etwa hunderttausend Krebspatienten unnötig mit Strahlen- und Chemotherapie behandelt?

Strauss: Ja. Nach meinem Wissen wird der Test in Deutschland noch überhaupt nicht eingesetzt. Die Information über den p53-Mechanismus ist zu neu. Nur in wenigen spezialisierten Einrichtungen ist der Test auf p53 verfügbar, und er müßte so schnell wie möglich auf solide Basis gestellt werden. Ein standardisierter Test könnte in drei Jahren auf dem Markt sein.