ZEIT: Herr Professor Franz, die Arbeitslosigkeit ist so hoch wie noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg. Trotzdem schweigt der Sachverständigenrat, obwohl er in so einer Situation sogar verpflichtet ist, die Stimme zu erheben. Wann ist der richtige Zeitpunkt für ein Sondergutachten des Rates, wenn nicht jetzt?

Franz: Falls wir ein Sondergutachten erstellen, wird dies der Regierung übergeben, die dann im Einvernehmen mit dem Rat über den Zeitpunkt der Veröffentlichung entscheidet.

ZEIT: Das klingt, als hätten Sie etwas in Arbeit.

Franz: Lassen wir es damit bewenden.

ZEIT: Bisher hieß es immer, man dürfe bei Wachstumsschwäche und Steuerausfällen nicht mit Einsparungen antworten. Heute scheint das Gegenteil zu gelten: Massive Einsparungen gelten als Vertrauenssignal für die Kapitalmärkte.

Franz: Man muß zwei Ebenen unterscheiden. Die eine ist die Konjunktur; wir sind derzeit in einer Stagnation, möglicherweise auch am Rande einer Rezession. Für mich ist es daher unstrittig, daß konjunkturbedingte Defizite - Steuerausfälle und zusätzliche Ausgaben etwa der Arbeitslosenversicherung - hingenommen werden müssen und nicht durch Kürzungen ausgeglichen werden dürfen. Der zweite Aspekt ist mittelfristig - Rückführung des strukturellen Defizits im Haushalt und Senkung der Steuer- und Abgabenquote. Beide Ebenen sollten nicht miteinander vermischt werden. Erholt sich die Konjunktur - alle Prognosen erwarten für die zweite Hälfte dieses Jahres, spätestens für 1997, ein Wachstum von zwei bis zweieinhalb Prozent -, dann ist keine Rede mehr von konjunkturbedingten Defiziten. Dann muß mit der geplanten Konsolidierung begonnen werden.

ZEIT: Nun hat man in Bonn ein umfangreiches Reformpaket geschnürt.