ZAGREB. - Die Wiedereingliederung Ostslawoniens und der Baranja in den kroatischen Staat hat bereits begonnen. Besuche internationaler Delegationen, Verhandlungen über Zeitpläne, Familientreffen, nicht zuletzt die Einrichtung einer telephonischen Rechtsberatung rund um die Uhr haben die Region unter Strom gesetzt. Daß dies diskret, im Schatten des spektakulären bosnischen Friedensprozesses, geschieht, gibt Hoffnung. Dennoch sollte sich niemand über die Schwierigkeiten und die Tragweite des Reintegrationsprozesses täuschen.

Trotz internationaler Abfederung wird der kroatische Staat gegenüber der serbischen Bevölkerung in Ostslawonien sehr bald beweisen müssen, daß er ein Rechtsstaat ist, der ohne Ressentiments und Siegerallüren alle Bürger gleich behandelt. Kroatien testet aber nicht nur sein Verhältnis zu den serbischen Mitbürgern. Es unterzieht sich dem Test der eigenen Zivilität. Fällt das Ergebnis unbefriedigend aus, wird das Land sich nach vier Jahren Kriegsnot schließlich selbst vernichten. Dann würde deutlich werden, daß Kroatien kein demokratisches Gemeinwesen geworden ist, daß alles vergebens war: die Wende zur Demokratie, die Flucht aus dem zerbrechenden Jugoslawien, die Rückschläge und Verluste in einem streckenweise darwinistischen Überlebenskampf.

In Ostslawonien selbst gewinnt die vermeintliche Randfrage des Dayton-Abkommens nahezu antike Dramatik. Hier hat der jugoslawische Krieg in all seiner Grausamkeit begonnen.

Auf der einen Seite stehen die international ins Recht gesetzten, 1991/92 aus Ostslawonien vertriebenen Kroaten und andere "Nichtserben".

Jeder einzelne hat drei, vier Jahre Flüchtlingselend erfahren.

Viele sind dabei innerlich erloschen und stehen vor der unerträglichen Alternative: in der Flüchtlingsbaracke weiterzuleben oder in eine kaputte Welt zurückzukehren, die längst die Aura wahrer Heimat verloren hat.

Auf der anderen Seite stehen die Serben aus Ostslawonien. Anfangs von Milosevic dazu auserkoren, als erste seine völkischen Machtphantasien zu verwirklichen, finden sie sich nun als Verratene wieder. Sie können nur hoffen, die immer mehr vom plumpen Nationalismus verseuchte kroatische Regierungspartei HDZ werde sich nicht an ihnen austoben.