Wer vom See kommt, den Feldafinger Golfplatz an seiner schmalsten Stelle überquert, erreicht nach wenigen Schritten hügelan ein eisernes Tor, über dem eine schnörkelige Fraktur verkündet: "Villa Waldberta". Was für ein verschrobener Name! Verbirgt sich dahinter ein Seniorenheim? Oder ein Fortbildungszentrum des DGB? Nein: nur ein Gästehaus für Künstler und Schriftsteller - wenn sie erst mal hierher gefunden haben.

Ein paar Stufen und einen überwucherten Steinweg hinter dem Tor hinauf, zwischen Fichten, Tannen und Koniferen versteckt, liegt sie, die verwinkelte Villa mit Turm und Erkerzimmer - ein Bau aus einem seltsamen Stilmischmasch, Wolkenkuckucksuhr, irgendwie alpenländisch und romantisch und offenbar so, wie es um die Jahrhundertwende gefiel. Doch das alles vergißt der Besucher, wenn er sich umdreht und über den dunklen Starnberger See schaut, den Blick wandern läßt über die nahen Hörner der ersten Berge und bei Föhn sogar die weißen Alpenkämme sehen kann.

Nur ein paar Kilometer nördlich verlebte die liebe Sisi ihre glückliche Jugend - und gegenüber, am anderen Ufer, setzte ihr königlicher Verwandter, Ludwig II., seinem genialischen Leben ein exklusiv tragisches Ende. Ja, "eine vornehme Gegend", notierte Ödön von Horváth, der Feldafing 1930 in seinem Roman vom "Ewigen Spießer" literarisch verewigte. Und auch Thomas Mann fand hier seine "Tonio-Kröger-Einsamkeit" und schrieb beim Klang seines neuen Grammophons das Schlüsselkapitel des Zauberberg-Romans: "Die Fülle des Wohllauts".

Doch selbst wer nicht wie Mann die Bürostunden des Dichtens einhält, findet in der mönchshaften Klausur zwischen Villa, Wald und See zum Schreiben. Manche Gäste steckten nur selten ihre Nase aus der "Waldberta" während ihres zwei- oder dreimonatigen Stipendiums - so wie der bosnische Theaterwissenschaftler und Dichter Dzevad Karahasan, der vor drei Jahren Tag und Nacht am ersten großen Essay über seine Heimat schrieb, oder der kroatische Lyriker Marian Nakitsch, der hier vor zwei Jahren Gedicht an Gedicht reihte, oder Sarah Kirsch, die 1995 im Gästebuch notierte: "Zwei Monate war ich in der Villa, für mich mit großem Erfolg. Es sind etwa 10 Gedichte entstanden. Daneben sind mir ein paar Prosaskizzen zugeflogen, aus denen eines Tages etwas entsteht." Und am Ende eines kleinen Gedichtes, nach ihrem obligaten Sternchen mit Schweif: "Werde gern retournieren." So klingt das Continuo der Dichter-Stipendiaten, über dem sie improvisieren: "Es war Lebenshilfe zur rechten Zeit" (Horst Drescher), denn es ist "ein Ort, wo ein Künstler endlich ganz für sich leben und sich in seine Arbeit vollkommen vertiefen kann" (Imre Kertész), "ein heiliger Ort" (Pierre Veilletet), kurz: Eine Fülle des Wohllauts.

Drei Monate ohne Verpflichtungen, etwas Geld, das gerade zum Leben reicht, und freie Logis - das ist eigentlich nicht viel, aber es wirkt. Für Wulf Kirsten, seit Februar Waldbertianer, kam das Stipendium gerade recht, ja "es war ein Segen". Denn zu Hause in Weimar hatte er einen "toten Punkt" erreicht: Schreibblockade, Sendepause - aber jetzt und hier ist die Krise überwunden. Na gut, eigentlich wollte er Prosa verfassen, stellt er nüchtern fest, und hat nun doch wieder mehr Gedichte geschrieben - immerhin!

Das Stipendium ist etwas Besonderes für ihn, wie ein kleiner Literaturpreis, zumal die Villa inzwischen einen hervorragenden Ruf unter Kollegen hat. Die Hauptsache ist für Kirsten jedoch: Weg von Weimar. "Weimar", dieses Wort schon scheint ihm derart körperliches Unbehagen zu bereiten, daß er seinen dichten Schnurrbart in Kurven legt. "Die Stadt ist pleite, finanziell und kulturell auch. Kulturhauptstadt Europas: Das ist nun ein ganz großer Quatsch, bei diesen Politikern, die regierungsunfähig sind." Doch genug davon. Nur: Da war noch diese häßliche IM-Geschichte. Irgendwelche neidischen Kollegen schütteten Kübel von Gift und Galle über ihn, weil es einen IM-Vorlauf gab; dabei habe er nichts unterschrieben, schlimmer noch, die Stasi habe doch ihn beharkt in der DDR. "Ach, ich sollte Ihnen das alles gar nicht erzählen", seufzt Kirsten, und die schöne waldbertine Stimmung scheint von ihm gefallen zu sein.

Währenddessen schlägt sich, ein Stockwerk höher, die schwedische Dichterin und Übersetzerin Madeleine Gustafsson mit ihrem Computer herum. Sie schaut ein wenig griesgrämig auf ihr High-Tech-Gerät.