Hinter den sowjetischen Offizieren, die gemessen über die weite Freitreppe zum Schlößchen hinaufschritten, schwebte eine Wolke schweren Parfums her. Gehorsam zwängten sie, als sie durchs Portal traten, ihre glänzenden Stiefel in die dargebotenen Pantoffeln, voll braven Verständnisses für das Gebot, das Parkett des Königs zu schonen. Respekt dämpfte die Stimmen. Aufmerksam lauschten sie den Erklärungen eines grau-korrekten Beamten, der mit konsequenter Akzentuierung vom "zweiten" Friederich sprach: "Groß" durfte der Monarch in jenem ersten Jahr des deutschen Arbeiter- und Bauernstaates nicht genannt werden. Immerhin, mit kalkulierter Beiläufigkeit bemerkte der Funktionär, es sei Peter III. gewesen, der debile Gatte der Zarin Katharina, der die Koalition der Feinde Preußens gesprengt und den bedrängten Feldherrn gerettet habe.

Erwähnte er den Grafen Yorck und Tauroggen? Die preußisch-russische Waffenbrüderschaft gegen den Korsen, die hernach als die heroische Ouvertüre einer progressiven Allianz gefeiert wurde: Vorbereitung der Achse Moskau-Berlin, die es zu schmieden galt? Der Chronist ist seines Gedächtnisses nicht sicher. Seit jener Visite in Potsdam sind mehr als vier Jahrzehnte vergangen.

Als er nun, fünfundzwanzig Jahre später, zu der heiteren Fassade von Sanssouci hinüberschaute, ließ ihn ein Hauch der fast vergessenen Ängste frösteln. Das alte Unbehagen schien den Zauber seltsam zu steigern. Er war allein. Von fernher trug der leichte Wind das Geräusch der Autos herauf, die Stille nicht brechend, die wie eine träge Welle der Unwirklichkeit des Augenblicks zufloß.

Eine Insel. Die harte Kälte des vergangenen Winters hatte es nicht zuwege gebracht, dem Park die Schönheit auszutreiben. Wenn Goethes Beobachtung, daß Architektur gefrorene Musik sei, irgendwann und irgendwo zutraf, dann jetzt, dann hier. Die Harmonie des Rokoko-Traumes, den der kleine, machtvolle Regent in dieses Brandenburg, das Sand und Wald, Wasser, Schilf und östliche Traurigkeit war, herabgezwungen hatte, wirkte im milchigen Licht wie entrückt: melancholisch verfremdet, in der Tat eine Insel, exotisch, von perfekter Ästhetik und ein wenig absurd.

Voltaire. Friedrichs französische Poeme, die der gekaufte Kopf unter Bekundung von üppigen Schmeicheleien und mit wachsendem Widerwillen korrigierte. Es brauchte nicht lang, bis der Gast begriff, daß sein Asyl bei dem König, den er ein "Naturwunder" nannte - "Sohn eines gekrönten Menschenfressers, groß geworden bei den Bestien, inmitten der Wüste" - nichts als ein groteskes Mißverständnis war, von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Dennoch sprach er bis zum Ende seiner Tage mit ironischem Respekt von den Talenten des Königs, der dieses entlegene und seltsam künstliche Staatswesen im Nordosten des Heiligen Römischen Reiches als eine europäische Großmacht etabliert hatte.

Preußen, sagt man, ist tot. Aber in den Potsdamer Buchhandlungen füllt die Friedrich-Literatur wieder ganze Regale. Über den Zeugnissen der wiedererwachten Nostalgie hängt, wenn nicht vieles täuscht, ein Hauch von Tobis und Ufa, der Babelsberger Edelproduktionen aus den zwanziger, den dreißiger Jahren, in denen der friderizianische Mythos seine fragwürdige Apotheose erlebte. Das Medium Film entsprach dem artifiziellen Charakter des Staates und seiner Idee. Er vererbte sich auf das preußisch-kleindeutsche Reich und schließlich, mittels einer paradoxen Dialektik, auf die realsozialistische Republik.

Prägt er nicht auf heimlich-verschämte Weise die Hauptstadt des wiedererstandenen Kleindeutschland, die nun aus dem Boden gestampft wird? Gottlob gibt es den bescheidenen alten Kern. Aber die gigantischen Baustellen, die ihn einkreisen, legen den Gedanken an ein nach Norden katapultiertes Brasilia nahe, an die Gründerzeit von Dallas, von Toronto, an die neuen Zentren von Tokio. (Nicht an Paris, trotz der Galeries Lafayette.) Ein Glück, daß man auf den Neubau des Schlosses verzichten will: Die grandiose Kopie hätte nicht so sehr vom Genie Andreas Schlüters, eher von dem naiven Wirkungswillen eines Randolph Hearst gezeugt, des Zeitungszaren (Orson Welles setzte ihm in "Citizen Kane" ein Denkmal), der in den kalifornischen Bergen sein klösterliches Château in spanisch-mexikanischem Stil auftürmen ließ.