Bezeichnenderweise sind es nicht die an den Lehrstühlen der Fachhochschulen und Universitäten dozierenden Tourismusforscher, die Neues zum Verständnis des Reisens beizutragen haben. Ihre Fragestellungen sind auf Optimierungs- und Effizienzprobleme der Tourismuswirtschaft beschränkt. Vom reisenden Menschen hingegen wissen andere Wissenschaftler mehr.

So wurde 1994 auf einer Tagung der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde in Münster unterderhand eine Vorstellung über den Haufen geworfen, die bislang als kleinster gemeinsamer Nenner und Lieblingstheorie der deutschen Tourismuswissenschaft galt. Nachzulesen ist das jetzt in dem von Christiane Cantauw herausgegebenen Sammelband Arbeit Freizeit Reisen (Waxmann, Münster/New York 1995; 182 S., 29,80 Mark). Fröhlich-nüchtern konstatiert darin Konrad Köstlin, daß Reisen nicht mehr verstanden werden kann als Flucht aus dem unerträglichen Alltag: Tourismus ist Bestandteil der Alltagskultur geworden. Für Köstlin ist der Urlaub sogar der eigentliche, der wahre Alltag, in dem all das "funktioniert, was es im normalen Leben nicht mehr zu geben scheint". Das Märchen vom Urlaub als Gegenwelt sei längst von den Hausfrauen durchschaut, die auch in den Ferien ihrer schweren Arbeit nachgehen müßten. Bedenkenswert ist sein Zweifel an den Möglichkeiten zu interkultureller Verständigung mit den Einheimischen: "Das Urlaubsland ist unser Ausschnitt aus dem Alltag der Bereisten und damit unser eigener Alltag."

Der, so wäre fortzusetzen, in unserem Interesse und aus unserem deutschen Mittelstandsblickwinkel gestaltet, gedeutet und erlebt wird.

Noch weitreichender sind die Gedanken, die der Historiker Hasso Spode als "Prolegomena zu einer historischen Anthropologie des Tourismus" entwickelt hat. Reisen sei nicht angeboren. Tourismus sei ein Produkt der Moderne, nicht Folge eines im Menschen angelegten Reise-Gens oder angeborenen Triebs in die Ferne. Erst der "Fortschritt" der Moderne habe die Erfahrung alltäglich werden lassen, daß wir alle zugleich, aber nicht gleichzeitig leben. Bereits die Verwandten auf dem Lande scheinen in anderen historischen Strukturen verwurzelt, erst recht werden die Lebensverhältnisse eines Drittweltlandes als "ungleichzeitig" wahrgenommen. Auch die Richtung touristischer Sehnsüchte, etwa nach (angeblich) unverbrauchter Natur, interpretiert Spode historisch als zugehörig zum modernen Sozialisationstypus, der das Wilde in sich unterdrücken muß, um in den industriellen und bürokratischen Mühlen funktionieren zu können. Sein Vorschlag, "Tourismus als freiwillige, gefahrlose und scheinbar zweckfreie Reise in die Vergangenheit [zu] denken, als Zeitreise mit Rückfahrschein", verspricht jedenfalls tiefere Einsicht in das, was uns umtreibt, als die übliche Nachfragerei von Beratungsfirmen, die das für ein Reisemotiv halten, was ihnen auf die Frage geantwortet wird: "Wollen Sie im Urlaub entspannen oder Sport treiben oder beides?"