Auf einmal geht es doch: Im Januar noch hatte die Bundesregierung eine grundlegende Steuerreform auf die kommende Legislaturperiode, also praktisch ins nächste Jahrtausend verschoben - nun will sie sich schon in diesem Jahr an die Arbeit machen. Die Neuordnung der Einkommen- und Körperschaftsteuer: Die Koalition braucht dringend ein Projekt, das jenseits des unpopulären Sparpakets so etwas wie Perspektive, soziale Ausgewogenheit und einen Hauch von Aufbruchstimmung vermittelt.

Unser Steuersystem muß so radikal durchforstet werden, daß auch ein Laie es überblicken kann. Der Fiskus muß wieder im Hintergrund wirken, anstatt der Wirtschaft das Leben schwerzumachen und unwillige Steuerzahler in die Arme von windigen Abschreibungsprofis zu treiben.

Das Steuersystem muß also von überflüssigen Vorschriften befreit werden. Die Einfallstore der Manipulation, die aus der Einkommensteuer zuweilen eine Dummensteuer machen, sind zu schließen. Gerade bei niedrigen Einkommen muß die Progression gemildert werden. Vor allem muß dort ein gleitender Übergang vom Sozialsystem her angelegt werden, damit für Arbeitslose ein Anreiz zu legaler Arbeit entsteht, Schwarzarbeit und Sozialmißbrauch zurückgedrängt werden.

Der gegenwärtige Wildwuchs geht auf den deutschen Wahn zurück, möglichst jedem Einzelfall gerecht zu werden und zugleich die ganze Wirtschaft zu steuern, vom Wohnungsbau über die Existenzgründung bis zum Aufbau Ost. Die Kehrseite dieser Abschreibungs- und Fördermodelle bilden jene phantastischen Gestaltungsmöglichkeiten für Spitzenverdiener, die heute die Steuermoral untergraben: Wenn Gutbetuchte nur einen Bruchteil ihrer tatsächlichen Einkünfte versteuern, vom Gesetz gedeckt, fühlt der kleine Handwerker sich zum Faustrecht gegenüber dem Fiskus legitimiert - und das heißt Schwarzarbeit. Dadurch geht der Gesellschaft mehr verloren als nur die Milliardensumme an Steuereinnahmen. Auch das Rechtsempfinden bleibt auf der Strecke, und wer immer wieder Steuern hinterzieht, wird vom selbstbewußten Bürger zum zynischen Abzocker oder zum subalternen Untertan, der sich aus Angst vor Entlarvung mit allem arrangiert.

Der Kampf gegen das Steuerchaos kann aber nicht mit dem simplen Schlachtruf: "Weg mit allen Abzugsmöglichkeiten" geführt werden.

Einfache Vorschläge führen nicht zum einfachen Steuersystem - leider. Betriebsausgaben müssen selbstverständlich auch in Zukunft von den Roheinnahmen abgezogen werden. Bei Selbständigen läßt sich die Grauzone zwischen betrieblichem Aufwand und Privatsphäre nicht vollständig wegdefinieren, gewiß aber einschränken.

Dennoch läßt sich vieles drastisch vereinfachen. Der Verzicht auf Sonderabschreibungen, auf Spendenabzug, auf die allgemeine Kilometerpauschale, auf Steuerfreiheit für bestimmte Zuwendungen, auf Ausnahmeregeln für land- und forstwirtschaftliche Einkünfte - all dieses schafft genügend finanziellen Spielraum für eine Senkung der Steuersätze. Wenn die Sätze erst einmal spürbar niedriger liegen als heute, schwindet auch der Anreiz, sich mit hochkomplizierten Sparmodellen an der Abgabepflicht vorbeizumogeln. Dann werden vor allem wieder Leistung und Wachstum belohnt - und nicht bloß die Steuervermeidung. Zu erreichen ist diese Bereinigung nicht mit einer großartigen Geste, sondern nur im zähen Ringen mit Lobbyisten und Verbänden. Vor allem muß die Politik sich mit Millionen von Steuerzahlern anlegen, die alle nichts sehnlicher wünschen als niedrige Steuersätze, die aber zugleich alle Abzugsmöglichkeiten behalten wollen.