In Straßburg und Paris erzählt man sich derzeit eine Anekdote über Jérôme Clément, den Präsidenten des europäischen Kulturkanals Arte. Wahr oder erfunden - die Geschichte beschreibt vortrefflich einen wichtigen Charakterzug des Mannes, der dem ambitionierten TV-Sender vorsteht: Clément, lange treuer Weggefährte Mitterrands, trifft den neuen französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac.

Zuvor haben konservative politische Kreise in Frankreich seinen Kopf gefordert. Chirac hat nichts gegen die politische Guillotine für den "linken" Clément. Doch dann fragt der kleine Präsident den großen: "Wer ist Ihnen als Arte-Chef lieber: ein Sozialist oder ein Deutscher?" Und bleibt im Amt.

Rückblende: Als vor exakt fünf Jahren, am 30. April 1991, Arte "in Form einer europäischen wirtschaftlichen Interessenvereinigung" gegründet wurde, sah man beim französischen Partner La Sept, dem kleinen, feinen Intellektuellensender in Paris, allenthalben nur lange Gesichter. Dabei stand die Liaison mit den deutschen Gesellschaftern ARD und ZDF spätestens seit dem 4. November 1988 fest, als Mitterrand und Kohl dem Bündnis ihren Segen gaben.

Doch als es dann zur Hochzeit kam, saß der Kulturschock jenseits des Rheins tief. Nicht nur, daß man sich bei La Sept die liebgewordenen Ressentiments gegenüber den groben Teutonen und ihren hölzernen Weltansichten gerne bewahrt hätte. Arte, das hieß damals auch: Weg aus Paris, denn die Zentrale des deutsch-französischen Gemeinschaftsunternehmens war nach Straßburg gelegt worden. Und weg aus Paris, das heißt an der Seine bis heute: Weg aus Frankreich! Ein Akt der Vergewaltigung.

Nein, sagt denn auch Clément, eine Liebesheirat sei das nicht gewesen. Inzwischen aber sei man doch "ein ganz gut funktionierendes Paar". Eine reichlich nüchterne, fast schon distanziert klingende Formulierung. "Was wollen Sie", hält Clément dagegen, am Anfang habe man wirklich nicht gewußt, ob das hinhaut. "Das war für beide Seiten eine Entdeckungsreise, belastet mit Vorurteilen, mit Streit und Krach, aber immer auch voller Leidenschaft." Und, fügt er mit leisem Lächeln hinzu, "mitunter kommt es inzwischen ja auch zu wundervollen Nächten".

Jérôme Clément, geboren am 18. Mai 1945, ist eine Klasse für sich.

Selbstredend absolvierte er die Pariser Eliteschmiede École Nationale d'Administration, die ENA. Von 1976 bis 1978 war er am Rechnungshof tätig, traditionell ein Sprungbrett für große Karrieren. Nach einem kurzen Ausflug als Kulturattaché an der französischen Botschaft in Ägypten arbeitet er von 1981 bis 1984 für Premierminister Mauroy als Kultur- und Kommunikationsberater. Unter Fabius wechselt er zum Conseil National de la Cinématographie (CNC) und avanciert dort zum Generaldirektor. Dann wird er Präsident des europäischen Kulturkanals Arte. Ein Homo politicus.