Ende April kommen in Deutschland Ein-Tages-Kontaktlinsen in den Handel, vom Hersteller Vistakon (einer Tochter des US-Multis Johnson & Johnson) schon vorab als "Revolution im Kontaktlinsenmarkt" gepriesen. Revolutionär sind diese Linsen allerdings nicht, es handelt sich um weiche Linsen aus herkömmlichem Material, relativ groß, aber dünn und von mittlerem Wassergehalt. Abends nach dem Herausnehmen jedoch sollen diese Haftschalen nicht in den Aufbewahrungsbehälter, sondern in den Müll wandern. Kein Reinigen, keine Unverträglichkeit von Reinigungsflüssigkeiten oder Allergien gegen Konservierungsstoffe in den Aufbewahrungsmitteln mehr. Und wenn mal eine Linse verlorengeht - einfach eine neue einsetzen. Das klingt genial, wären da nicht einige Stolpersteine.

Zum einen schlägt ein Linsenpaar mit zirka drei Mark zu Buche, das summiert sich auf etwa tausend Mark im Jahr. Das ist deutlich mehr, als herkömmliche Linsen kosten, ob hart oder weich, inklusive Reinigungs- und Pflegemittelkosten, kritisiert die Vereinigung Deutscher Contactlinsenspezialisten (VDC). Überdies gibt es die "Ex-und-hopp-Linsen" nur bis minus 6 Dioptrien. Das Herstellungsverfahren ist aus Kostengründen so vereinfacht, daß eine Linsenvariante für alle Augen passen muß. "Das ist, als wollten Sie alle Menschen ausschließlich mit Schuhgröße 36 und nur mit linken Schuhen versorgen", meint der Hamburger Linsenspezialist Rainer Holland. Andere Sehfehler wie Weitsichtigkeit, Astigmatismus, Hornhautverkrümmung oder hochgradige Kurzsichtigkeit lassen sich mit der Ein-Tages-Linse nicht korrigieren.

Sie erfordern alle eine individuelle Linsenanpassung.

Probleme mit der "Ex-und-hopp-Linse" fürchtet Rainer Holland vor allem bei Menschen, deren Augen nur wenig Tränenflüssigkeit produzieren.

Bei ihnen ist die Gefahr besonders groß, daß die Hornhaut austrocknet und bleibende Schäden davonträgt. Denn wie viele andere weiche Linsen haftet auch die Ein-Tages-Linse wie ein Saugnapf auf der Augenoberfläche. Ihr äußerer Rand dichtet die Hornhaut fest gegen die Umgebung ab. Wenn die Linse sich jedoch nicht auf dem Auge bewegt und dabei von Tränenflüssigkeit unterspült wird, fehlt der Hornhaut sowohl die Zufuhr von Sauerstoff und Wasser als auch die "Müllabfuhr" für auszuscheidende Stoffwechselprodukte. "Daran ändert auch das Etikett ,hydrophil und hochsauerstoffdurchlässig` nichts", kritisiert der Experte Holland.

Von Tränenflüssigkeit unterspült und für die Hornhaut auf Dauer gut verträglich sind nur stabile Linsen. Deren Anpassung jedoch ist schwierig, erfolgt immer individuell "auf Maß" und erfordert eine gute Portion Fachwissen. Ein-Tages-Linsen hingegen gibt es, wie viele andere weiche Linsen, "von der Stange"; sie verstärken den Trend zur Allerweltshaftschale aus dem Supermarkt.

Die Fachleute finden inzwischen die ersten Spätschäden an der Hornhaut von Linsenträgern, die sich vor wenigen Jahren neu eingeführte "Wegwerflinsen" anschafften, die Vorläufer der jetzigen Ein-Tages-Linse.