Die Sprache der Wirtschaft ist eine recht trockene Kost. Nur selten bemühen sich die Akteure um eine phantasievolle Ausdrucksweise.

Und wenn sie es ausnahmsweise einmal versuchen, dann scheinen sie sich mit der Wahl der Worte schwer zu tun. Zum Beispiel in den Berichten vom Aktienmarkt. Bei steigenden Kursen wird dann von einer "freundlichen" Börse gesprochen, obwohl natürlich weder Kurse noch Börsen freundlich oder unfreundlich sein können. Häufig ist auch von einer "Seitwärtsbewegung" die Rede. Diese Wortschöpfung ist besonders mißlungen. Erstens können Kurse sich niemals zur Seite bewegen, sondern höchsten hoch und runter. Und zweitens ist mit der Bezeichnung genau das Gegenteil von Bewegung gemeint, nämlich Stillstand.

Manchmal heißt es auch "gut behauptet" oder "knapp gehalten", wenn Kurse sich weder klar nach oben oder unten bewegen, sondern auf dem gleichen Niveau wie am Vortag verharren. Treffender ließe sich dieser, gerade an der deutschen Börse besonders häufig anzutreffende Sachverhalt zum Beispiel mit dem Wörtchen "fest" beschreiben, das ja soviel bedeutet wie erstarrt und festgefahren. Doch es ist absurd: Gerade den Ausdruck "fest" verwenden die Börsianer, wenn die Kurse kräftig steigen, also sich am Aktienmarkt besonders viel bewegt.

Und wenn das Gegenteil der Fall ist, wenn die Kurse fallen, dann ist nicht etwa von einem "lockeren" Markt die Rede, was ja nur konsequent wäre. Vielmehr heißt es dann, die Börse hätte "leichter" geschlossen. Bisweilen ist auch von den "schwachen", "nachgebenden" oder gar "gedrückten" Notierungen die Rede.

Sigmund Freud hätte an diesem Mißbrauch der Sprache seine Freude.

Er würde hinter den falsch verwendeten Begriffen sicher einen tieferen Sinn entdecken. Zum Beispiel, daß Börsianer bei Verlusten auch deshalb von "leicht" reden, weil sie sich insgeheim erleichtert fühlen. Diese Interpretation würde gut zu Freuds These passen, wonach die Menschen zum Geld ein ähnliches Verhältnis haben wie das Kleinkind zu seinem Stuhlgang: Sie fühlen sich vom Geld angezogen, sind stolz, wenn sie welches gemacht haben, empfinden es aber auch als Last. Auch Begriffe wie "gedrückt", "fest" oder "knapp gehalten" lassen sich mit etwas Phantasie in diese Richtung deuten.

Aber für den sprachlichen Frevel, einen Stillstand als "Seitwärtsbewegung" zu bezeichnen, würde wohl auch der Vater der Psychoanalyse weder eine Erklärung noch eine Entschuldigung parat haben.