Die Schildbürger, ältester der deutschen Stämme und stets auf den Socken, haben ihre Zelte jetzt an den in jedem Sinne seichten Ufern der Pleiße aufgeschlagen. Dort soll eines der wenigen Juwelen der deutschen Einheit, das von Uwe Scholz gegründete und in nur fünf Jahren zu internationalem Erfolg geführte Leipziger Ballett, eingespart werden.

Dröhnen uns nicht noch die Ohren von Jubelreden bei der Eröffnung der Neuen Messe? "Leipzig kommt! - Messe-, Buch- und Kunststadt Leipzig!" Kaum sind die Teller vom Festschmaus abgetragen, kaum hat der Bundespräsident der sächsischen Geistes-Metropole den Rücken gekehrt, werden Rotstift und Dolch gezückt.

Aber hat Roman Herzog, als er zu einem der ersten Staatsbesuche (in die Schweiz) fuhr, nicht das Leipziger Ballett als Gastgeschenk und Begleitschutz mitgenommen? Welches Ensemble wurde, als einziges aus Deutschland, durch die Einladung ausgezeichnet, bei den Feiern der Vereinten Nationen 1995 in San Francisco zu tanzen?

Der junge Tänzer-Choreograph Scholz aus der Talentschmiede des Stuttgarter Balletts von John Cranko/Marcia Haydée hat 1990 den hochdotierten Posten als Direktor des Zürcher Balletts aufgegeben und ist dem Ruf nach Leipzig gefolgt - zu einer Zeit, als die Deutsche Mark dort noch nicht Landeswährung war.

Kein anschwellendes Nationalgefühl trieb den Westler zu den Ossis, sondern die Verlockung, nach frühem Erfolg noch einmal von vorn anfangen zu können. Ohne Aussicht auf Spekulationsgewinne, bei vermindertem Verdienst hat sich wohl niemand dem Aufbau in den neuen Ländern so verschrieben wie der arbeitswütige Uwe Scholz bis - bis hin zu zwei schweren Unfällen bei Proben.

"Habe ich wirklich einer solchen Stadt mein Vertrauen geschenkt?"

So fragt sich ein enttäuschter, ja gedemütigter Künstler. Denn anstatt sich zusammenzusetzen mit den seinem Schutz anbefohlenen Intendanten (Kurt Masur: Gewandhausorchester; Udo Zimmermann: Oper; Wolfgang Engel: Schauspiel) und gemeinsam nach Möglichkeiten zu suchen, wie die zehn bis fünfzehn Millionen Mark aufgebracht werden könnten, die der Kultur-Etat der fast bankrotten Stadt liefern muß, deren Haushalt bis 1997 um 150 Millionen schrumpfen soll, schwadroniert der Beigeordnete für Kultur in einem Gespräch mit der Zeitschrift Kreuzer (4/96) populisti sch, kunstfeindlich, phantasielos - und beleidigt die Künstler: "Ich sitze hier mittendrin in einem Käfig voller Narren."