Daxner: Es gibt heute keinen Konsens darüber, was Universitäten sollen. Was mich empört, ist, daß eine Gesellschaft ihre Hochschulen einfach weglegt, nachdem sie erkennen muß, daß deren Ausbau in den siebziger Jahren zum Finanzdebakel wurde und in die Unorganisierbarkeit geführt hat. Da kommt ein Wirtschaftsminister Rexrodt, redet etwas von Standortpolitik, Innovation und angewandter Wissenschaft auf sehr niedrigem intellektuellem Niveau - und nichts passiert. Es gibt keinen Aufschrei an den Hochschulen, wo Innovation nicht von sich aus entsteht, sondern wo man Grundlagenprojekte für die nächsten 15 bis 25 Jahre braucht, damit irgendwann überhaupt etwas Neues kommen kann.

Glotz: In der Tat gibt es ein vollständiges Mißverständnis darüber, wie wichtig für einen Staat wie Deutschland mit wenig Menschen, ohne Rohstoffe, die Hochschulen sind. Deshalb muß man jetzt so laut Zeter und Mordio schreien, wie das einst Georg Picht getan hat. Aber auch die Hochschulen müssen von sich aus mehr tun. Es geht nicht, daß die Gesellschaft und die Politik nur die Servicefunktion der Hochschulen abruft, nach der Devise: Bildet uns gefälligst die Leute ordentlich aus, und macht uns keinen Ärger. Genau das müssen wir ändern. Dabei müssen wir bei der Finanzierung ansetzen und beim Selbstbewußtsein der Korporation Hochschule. Es geht bei den Ländern um drei bis vier Milliarden Mark, beim Bund um eine Milliarde. Das sind große Summen, wenn ich auf die jetzige Haushaltspolitik schaue, aber es geht nicht um Wunder. Beim Bund ist das bei 470 Milliarden Mark Gesamthaushalt ohne Schwierigkeiten zu bewältigen. Bei den Ländern ist es sehr viel schwieriger. Aber es handelt sich auch dort nicht um absolut unvorstellbare Summen.

Daxner: Wir sind alle sozialliberal verdorben. Die Ausstattung der deutschen Hochschulen in den siebziger Jahren war gemessen an dem, was sie wirklich brauchen, Blattgold. Wir sind verwöhnt und geben das Geld falsch aus. Wir bauen zu teuer und haben Besitzstände eingerichtet, die den anderen Dienstleistungsunternehmen sowenig zustehen wie den Hochschulen. Dann haben wir die unsinnigste Personalkosten-Verschwendungsmaschine, die es gibt: Wir bilden Leute für Millionen Mark aus, die wir dann mit 40 Jahren hinausschmeißen, wenn sie am meisten leisten könnten. Auf der anderen Seite verbeamten wir Leute ohne jede Leistungsprognose mit 30 Jahren, und die bleiben 35 Jahre im Dienst.

Der Staat fordert von ihnen keine einzige gedruckte Zeile, keine einzige Prüfung. Wir pulvern in die obersten Etagen zuviel rein und hungern die Leute unten in der Hierarchie aus. So gibt es bei uns Studenten, die rechnen auf uralten PCs. Absurd. Da kommt mir die Wut, denn wir könnten das durch einfache Gesetze ändern.

Aber hier geht niemand ran. Hochschulverband und Gewerkschaften bilden da eine feste Front, eine ganz seltsame Rechts-links-Koalition.

Es hat auch etwas mit Geld zu tun, daß ausländische Studenten nicht mehr zu uns kommen. Die Art, wie wir ausländische Studenten an den Hochschulen beherbergen und betreuen, ist so schlecht wie in kaum einem entwickelten europäischen Land.

Glotz: Ich stimme der Grundsatzanalyse von Daxner über die Personalstruktur der Hochschulen in vielen Punkten zu. Aber das heiligste in Deutschland ist Artikel 33 des Grundgesetzes, sind die hergebrachten Grundsätze des Berufsbeamtentums. Daß man daran schnell etwas ändern kann, das glaube ich nicht.