Herr Grottian, Sie werfen den Tarifpartnern im öffentlichen Dienst Verantwortungslosigkeit vor. Warum?

GROTTIAN: Weil die Tarifparteien noch nicht einmal einen Ansatz gefunden haben, auch für den öffentlichen Dienst ein Bündnis für Arbeit zu schließen. Die Forderung nach einer Nullrunde ist genauso phantasielos wie die nach 4,5 Prozent mehr Lohn. Gegenüber jungen Leuten, die einen Job suchen, ist diese Haltung zynisch, und sie ist in jedem Fall beschäftigungsfeindlich.

Sie halten eine Nullrunde für überflüssig?

GROTTIAN: Mir ist klar, daß Bund, Länder und Gemeinden sparen müssen. Aber eine Nullrunde würde bedeuten, daß nur gespart wird.

Die Frage ist: Wie läßt sich Verzicht mit etwas Positivem kombinieren, wie können also auch Arbeitsplätze entstehen?

Können denn wirklich, angesichts der leeren Kassen, neue Jobs geschaffen werden?

GROTTIAN: Es kann gelingen, wenn man das bestehende Umverteilungspotential nutzt. Mein Vorschlag: Die oberen Gehaltsgruppen müssen auf zehn Prozent Einkommen verzichten und zehn Prozent weniger arbeiten, die mittleren Gruppen verzichten auf fünf Prozent bei entsprechend kürzerer Arbeitszeit, die unteren Gehaltsgruppen bekommen einen Inflationsausgleich. So ließen sich siebzehn bis zwanzig Milliarden Mark lockermachen. Auch wenn man den kleineren Teil dieser Summe für die Konsolidierung der Haushalte verwendete, stünde viel Geld für die solidarische Umverteilung der Arbeit zur Verfügung.