BERLIN. - "Nestbeschmutzer" ist noch die glimpflichste Beschimpfung, die Wolfram Polewczynski am Telephon hört. "Wir stechen dich ab", oder: "Wir schneiden dir ein Ohr ab", drohen die härteren Kaliber.

Manchmal glaubt Polewczynski, aus den Schimpftiraden den Jargon seines alten Berufsstandes herauszuhören. Wolfram Polewczynski war Polizist. Bevor er kürzlich in den Ruhestand ging, hat er vierzig Jahre lang Dienst getan - bei der Bereitschaftspolizei, beim Spezialeinsatzkommando, schließlich als Wachleiter im Abschiebegewahrsam der Polizei. Dieser Einsatzort ist es, der für die anonymen Anrufe sorgt. Denn Wolfram Polewczynski hat gegen ein ungeschriebenes Gesetz verstoßen: Er hat die Kollegen "verraten".

Der sechzigjährige Oberkommissar hat Mitte April, wenige Tage nach seiner Pensionierung, im Fernsehmagazin "Panorama" über eine skandalöse Praxis der Berliner Polizei berichtet: Vier Jahre lang, bis Mitte 1994, mußten rumänische Abschiebehäftlinge "aus Sicherheitsgründen" ihre Kleidung ablegen. Als Ersatz bekamen sie ausrangierte Trainingsanzüge der Polizei, durchlöchert, zerrissen, mit herausgetrennten Reißverschlüssen - Lumpen. Unterwäsche erhielten sie keine. Wochenlang, oft sogar über Monate, mußten die rumänischen Männer und Frauen in diesen Klamotten herumlaufen. In diesem Aufzug präsentierte man sie auch dem Richter. In Trainingsjacken ohne Knöpfe oder Reißverschluß, die Brust nur notdürftig bedeckt, photographierte man auch die Frauen für die Polizeikartei. "Für Rumänen wird Grün ausgegeben", hieß das - in Anspielung auf die Anzugfarbe - im Polizeijargon.

Was damals geschah, ist die eine Geschichte. Wie es einem ergeht, der das nicht auf sich beruhen lassen will, ist die andere. Als die Direktive kam, rumänische Abschiebehäftlinge in zerlumptes "Grün" zu kleiden, war Polewczynski empört. Allzu löchrige Trainingsanzüge ließ er in den Müll wandern, die Kleiderkammer hat er wochenlang "bekniet", wenigstens Klettverschlüsse in Trainingsjacken und -hosen zu nähen, wenn Reißverschlüsse denn ein Sicherheitsrisiko seien. Polewczynski gab keine Ruhe. Das nervte. Als er dann auch noch Dienstvergehen von Kollegen und Vorgesetzten monierte, galt er bei einigen als Querulant. 1993 bekam er die Quittung: Wegen "erheblicher Persönlichkeitsveränderung" und vermuteter "neurotischer Störungen" schickte sein Vorgesetzter ihn zum Polizeiarzt. "Um den Dienstbetrieb nicht weiter zu stören", wurde Polewczynski schließlich versetzt und sah fortan jüngere Kollegen auf der Beförderungsleiter an sich vorüberziehen. Wenig später wurde ein disziplinarisches Ermittlungsverfahren gegen ihn eingeleitet. "Nichtachtungswürdiges Verhalten gegenüber Mitarbeitern" und "beabsichtigte Flucht in die Öffentlichkeit", lautete der Vorwurf. Hintergrund dieser Anschuldigung: Polewczynski wollte dem Petitionsausschuß des Abgeordnetenhauses über die Behandlung der Rumänen berichten.

Polewczynski mußte sich zum dritten Mal innerhalb eines Jahres auf "krankhafte Veränderungen der Persönlichkeit" untersuchen lassen. Wieder ohne Befund: Die Polizeiärztin konnte allenfalls eine "gewisse Poltrigkeit und Unsachlichkeit in Erregungssituationen" feststellen. Ansonsten zeige der Beamte einen "stabilen Gesundheitszustand" und versehe seinen Dienst "vorbildlich und mit viel Einfühlungsvermögen."

Das Disziplinarverfahren gegen ihn wurde eingestellt. Aber warum, so fragt der pensionierte Oberkommissar, wurde keines gegen diejenigen eingeleitet, die für die Praxis bei den Rumänen verantwortlich waren? Rund tausend Polizisten, schätzt er, hätten im Laufe der Jahre davon gewußt. Auch die Polizeiführung war informiert. Ein Schreiben des Vizepräsidenten der Polizei, Dieter Schenk, bestätigt, daß die Rumänen mit ausgesonderten Polizeitrainingsanzügen auf Anweisung ausgestattet wurden. Eine "zerlumpte Bekleidung" sei jedoch "nicht existent". Entsprechende Photos aus dem Polizeiarchiv seien "Manipulations- bzw. Agitationsmaterial". Sie sagten schließlich nichts darüber aus, "warum die Kleidung in einem derartigen Zustand ist".

Fast zwei Jahre ist dieses Schreiben alt, und bisher ist keiner der Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen worden. Wolfram Polewczynski reichte es. Er informierte die Öffentlichkeit. Seit Anfang der Woche beschäftigt der Vorfall den Innenausschuß des Abgeordnetenhauses.