Es ist erstaunlich, in welch heillose und zugleich entzückende Verwirrung einen dieses schmale Bändchen des argentinischen Autors Ezequiel Martinez Estrada zu stürzen vermag (Das Buch, das verschwand; Erzählung; aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen; S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1996; 80 S., 20,- DM). Und das innerhalb von zweieinhalb Stunden, denn länger braucht man zu seiner Lektüre nicht.

Die Erzählung gibt sich als Vorwort von Marta Riquelmes "Erinnerungen" aus, einer Art autobiographischer Familiensaga von 2000 Seiten.

Der Ich-Erzähler stellt sich als Herausgeber vor. Da es um einen reichlich kuriosen editorischen Vorgang geht, hat er den Lesern einiges zu erklären: Das Originalmanuskript ist nämlich unauffindbar, weshalb der Herausgeber Martas Buch im folgenden aus dem Gedächtnis zitieren muß. Auf Umwegen ist das Manuskript vor Jahren in seine Hände gelangt, ohne Seiten und Kapitalnumerierung, verfaßt in einer unmöglichen Handschrift, voller Rätsel und Abgründe. Je nach Anordnung der Texte entstehen die unterschiedlichsten Lesarten.

Und es scheint nicht ausgeschlossen, daß Marta ein Luder war, das den Sinn seines Werkes mit Absicht verdunkelt hat. Die jahrelange Nachtarbeit an dem Manuskript wird für den Herausgeber und seine Kollegen zur reinen Nervensache, und ihre Debatten um den Text führen sie bisweilen "bis an die Grenzen der Metaphysik".

Als die Druckfassung nach drei Jahren endlich fertig ist, ereignet sich die Katastrophe: Das Manuskript verschwindet spurlos! Ist es im Verlag oder in der Druckerei verschlampt worden? Oder haben es Familienmitglieder Martas aus Angst vor Enthüllungen beiseite geschafft? Dunkel wie die Inhalte der Memoiren sind die Umstände ihrer Entstehung und ihres Verschwindens. Und diese Umstände treffen sich "in ihrer Semantik mit dem Schicksal der Autorin ... Jedenfalls war es mir unmöglich, sie aufzuspüren, weder tot noch lebendig."

Beim Leser treten im Verlauf der Erzählung zu der Ungewißheit, ob Marta noch lebt, der Zweifel, ob sie je gelebt hat, und der Verdacht, ob die Memoiren nicht zur Gänze das Werk des Herausgebers sind. Ein sogenannter Herausgeber hätte dann ein Vorwort geschrieben zu den sogenannten Erinnerungen einer sogenannten Marta Riquelme, die in Wahrheit seine eigenen sind. Aber was heißt hier Wahrheit?

Der Leser dieses "Vorwortes" kann froh sein, daß ihm die vollständige Fassung von Martas Buch erspart bleibt. Martas Text kreist um pikante Details im Leben einer weitläufig verzweigten Familie, die auf einem "infernalischen Familiensitz" zusammenlebt. Das Gebäude ist in seiner Monstrosität so etwas wie die architektonische Entsprechung zu Martas Literatur. Und die Wohnverhältnisse bieten sich an für inzestuöse Verwicklungen: "Don Antonio war der Bruder der Mutter, ein Lump. Marta hebt ihn in ihren Memoiren in den Himmel, doch wer weiß, in welch schändlicher Absicht, denn Tatsache ist, daß er ein kleines Kind mißbraucht hat ... Denken Sie bitte an diesen Hinweis, wenn Sie an die entsprechende Stelle kommen (S. 746). Vermutlich hat er auch Marta vergewaltigt und mit ihr zusammengelebt."