Ernest Fleischmann will aufhören? Kaum zu glauben. Der Mann ist doch verwachsen mit dem Los Angeles Philharmonic Orchestra. Ihn bloß als Manager dieses Klangkörpers der internationalen Spitzenklasse vorzustellen, wäre eine Untertreibung: Er ist das Orchester. Er lebt mit ihm, denkt mit ihm, spürt seinen Atem. Er verwaltet, betreut, führt und gängelt diesen komplizierten Organismus aus 110 Musikern - Individuen allesamt. Dafür wird er geliebt und gefürchtet, auf alle Fälle respektiert.

Wie ein Tyrann sieht er nicht aus. Eher wie ein in Würde ergrauter Domherr. Einer, der zuwenig schläft; die rotgeränderten Augen verraten es. Jetzt sitzt er oben im ersten Rang des Konzertsaals, im Music Center von Los Angeles, in der Pose zufriedener Nachdenklichkeit, während rings umher ein Pandämonium entfesselt scheint.

Orchester und Piano hatten sich in den Tumult des Finales in Rachmaninoffs drittem Klavierkonzert gejagt, körperlich spürbare Spannung aufgebaut.

Aus dem Schlußakkord war der Solist von der Klavierbank hochgeschnellt und hatte dann seinen Kopf auffallend lange an der Schulter des Dirigenten ruhen lassen. Fast feierlich hielt Esa-Pekka Salonen, der Finne, seinen Arm um Alexander Toradze, den Pianisten aus Rußland.

"I adore him", sagt Ernest Fleischmann. Er meint Esa-Pekka, diesen jungen Dirigenten mit Markt-Appeal. Ihn nach Los Angeles geholt zu haben, in einer Zeit, da die Konzertbesucher immer älter werden, die jungen Leute immer schwerer für die Klassik zu gewinnen sind und Geld für Kultur immer knapper wird: Das ist ein großer, vielleicht sogar der letzte Erfolg in der Karriere des gebürtigen Frankfurters Ernest Fleischmann.

Mit seiner Ankündigung, im Juni 1997 aufzuhören, hat Fleischmann die Branche überrascht. Der Los Angeles Times war die Nachricht eine Schlagzeile auf Seite 1 wert. Aufhören will er? Wo er doch gerade dabei ist, die Hollywood Bowl zum Jubiläum ihres 75jährigen Bestehens wieder zu einem Magneten zu machen? Aufhören? Nun ja, bis 1999, hat Fleischmann wissen lassen, wolle er "Berater" des Orchesters sowie der populären Freiluftbühne bleiben. Wer auch immer nach ihm komme, davon ist er überzeugt, der müsse fähig sein, mit Salonen eng zusammenzuarbeiten. Im Klartext: Es ist nicht einfach, in Fleischmanns Schuhe zu steigen. Ein möglicher Kandidat von der Ostküste kommentierte schnippisch: Selbst wenn er einen Ruf nach Kalifornien erhielte - solange Fleischmann mitredet, "danke, danke - nein".

Das Phänomen Fleischmann liegt darin, daß er, der managing director, in Los Angeles fast so wichtig ist wie der Chefdirigent. Im internationalen Musikbetrieb ist er deshalb auch fast so bekannt wie die Stars am Pult. Das schafft Neider. Martin Bernheimer zum Beispiel, der Musikkritiker der Los Angeles Times, hat Fleischmann 1988 in einem Essay ziemlich grob auf Machthunger und Machtgenuß reduziert.