FORST. - Es ist ja nicht so, daß keiner wüßte, was Sinan Gül da schreibt. Seit Monaten schickt der türkische Asylbewerber empörte Briefe: an die Parteien, an den Landtag in Potsdam, "an das deutsche Parlament, Bonn". Niemand bestreitet, daß richtig ist, was Sinan Gül behauptet: In der Asylunterkunft im brandenburgischen Forst, in der er von Amts wegen gezwungen ist zu leben, herrschen menschenunwürdige Zustände. Selbst abgebrühte Flüchtlingshelfer ringen bei der Beschreibung der Unterkunft um Worte: "Stellen Sie sich einen Schweinestall vor, und Sie wissen, wie es in den Räumen riecht, in denen dort Menschen leben müssen", sagt Dirk Wilking von der Regionalen Arbeitsstelle Ausländerfragen Forst. Auch den Behörden des Landkreises fiele so manch drastischer Vergleich ein, den man lieber nicht zitiert wissen möchte.

Das Objekt der Empörung ist für jedermann sichtbar, in bester Innenstadtlage, direkt am Bahnhof: ein ehemaliges Hotel mit angeschlossenem Kino. Seit gut vier Jahren dient es als Asylunterkunft. Acht Mark Miete pro Kopf und Tag kassiert die private Betreiberfirma vom Sozialamt dafür. Macht bei einer durchschnittlichen Belegung mit 150 Bewohnern einen stattlichen Monatsertrag - knapp 40 0000 Mark für ein fast baufälliges Anwesen.

Den größten Teil des Winters, so berichtet Sinan Gül, habe er - eingehüllt in Decken - in seinem Doppelstockbett verbracht.

Die Heizung in seinem Zimmer, das er mit zwei Mitbewohnern teilt, funktionierte nicht, durch die Fenster pfiff der Wind. Warmes Wasser gab es immer nur für kurze Zeit, die enge Küche, wo 150 Bewohner auf einer Handvoll Kochplatten ihr Essen bereiten sollen, hat der 34jährige Sinan Gül vor lauter Ekel schon lange nicht mehr betreten. Seit er in Forst lebt, verzichtet er lieber auf eine warme Mahlzeit, als dort zu kochen.

Einige Bewohner immerhin fühlen sich in der Asylunterkunft äußerst wohl: die Ratten und Mäuse. In den Zimmern hat die Heimleitung Mäusefallen und Kästen mit Rattengift aufstellen lassen, "aber die Tiere", meint Sinan Gül, "sind klüger. Die gucken sich das von der Seite an und gehen wieder."

Immer wieder haben sich die Bewohner über die Zustände im Heim beschwert. Auch die Forster Ausländerbeauftragte hat zigmal bei dem Betreiber interveniert. Vor drei Wochen hat auch Brandenburgs Ausländerbeauftragte Almuth Berger die Unterkunft inspiziert und kehrte schockiert zurück. "So etwas Schlimmes", berichtet Bergers Mitarbeiter Michael Hugo, "habe ich noch nie gesehen. Einfach ekelerregend. Da leben Familien mit kleinen Kindern, und auf dem Fußboden stehen Behältnisse mit Rattengift."

Die Behörden wissen seit langem um die Zustände im Heim - und bewiesen unverständlichen Langmut. Amtsarzt und Ordnungsamt machten wieder und wieder Kontrollgänge durchs Haus, schrieben hinterher brav Vermerke, Protokolle und Abmahnungen - nichts passierte.