HAMBURG. - Der Wachtelkönig ist ein scheuer kleiner Vogel, der in Sumpfgebieten nistet. In Hamburg - nicht unbedingt ein Sumpf - wurden im letzten Jahr rund zwanzig Pärchen gezählt. Zwei davon leben auf einer Fläche von 1 488 000 Quadratmetern im Stadtteil Neugraben-Fischbek. Dort will die Stadt nun 3000 Wohnungen für rund 10 000 Menschen bauen. Das würde den beiden Wachtelkönigen, die dort hausen, in diesem Jahr aber noch nicht gesichtet worden sind, ihren Nistplatz kosten.

Der Naturschutzbund Deutschlands (Nabu) hat sich der beiden Vögel angenommen und sie auf seine Prioritätenliste gesetzt. Er hat die Europäische Kommission aufgefordert, Hamburgs "Bebauungsplan 15 Neugraben-Fischbek" zu kippen - unter Berufung auf ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs, der vor drei Jahren Spanien den Bau eines Industriezentrums verboten hatte. Begründung: Spanien habe gegen Artikel 3 und 4 der Richtlinie 79/409 der EWG verstoßen, "indem es keine Maßnahmen zur Pflege und ökologisch richtigen Gestaltung der Lebensräume und zur Wiederherstellung zerstörter Lebensstätten getroffen hat". In dieser Richtlinie verpflichten sich die Staaten der EU unter anderem, die Lebensräume von seltenen Vögeln zu schützen und zu erhalten. Und der Wachtelkönig ist ein seltener Vogel.

Jetzt ist der Wachtelkönig in der Hansestadt zum Wappentier der Umweltschützer geworden. Und die Frage stellt sich: Wohnungen für Menschen oder ein Schutzgebiet für 2, sprich: zwei, Wachtelkönige?

Das Gesetz verpflichtet Länder und Kommunen, bei ihren Planungen Eingriffe in die Natur und Landschaft möglichst zu vermeiden und Biotope zu schützen. Und niemand bezweifelt, daß bei der Planung von Neubauten auch auf die Umwelt Rücksicht genommen werden muß.

Rücksicht auch auf die Brutplätze von 2, sprich: zwei, Wachtelkönigen?

Seit langem wird darüber gestritten, ob es in dem neuen Wohngebiet genug Kindergartenplätze geben wird, ob der öffentliche Nahverkehr 10 000 neuen Bewohnern gewachsen ist, ob die Straßen ausreichen für all die zusätzlichen Autos, kurz - ob die Infrastruktur in Neugraben-Fischbek stimmt. Manch einer fürchtet, daß hier ein Dinosaurier-Projekt entsteht, eine Schlafstadt für berufstätige Pendler, ein Ghetto für Hausfrauen und Kinder. Es sieht so aus, als seien die beiden Wachtelkönige nur ein Vorwand, ein juristischer Trick auch, um einen vielleicht wirklich allzu üppig ausgefallenen Bebauungsplan zu Fall zu bringen.

Mit dieser Aktion haben die Naturschützer sich aber selbst ins Abseits gestellt. Sie belebt das alte Klischee von grünen Spinnern, die wegen zwei Wachtelkönigen die europäische Bürokratie bemühen, um den Bau von Wohnungen für Tausende von Menschen verhindern.