Beirut - Walid hat unverhofft neue Freunde gefunden. Bis vor kurzem noch vertrug sich der 25jährige Student im Lacoste-Hemd überhaupt nicht mit den Anhängern der Hizbullah. An der Universität habe es oft Streit mit ihnen gegeben, sagt er. "Die wollten zum Beispiel nicht, daß wir auf dem Campus mit Mädchen flirten." Solche Probleme aber sind mit Beginn der israelischen Operation "Früchte des Zorns" völlig nebensächlich geworden. Der Christ Walid hat nun erstmals mit seinen Kommilitonen von der schiitischen Hizbullah eine gemeinsame Sprache gefunden - gegen den israelischen Angreifer. Der Wendepunkt war für ihn das Massaker von Kana. Wenn er "früher hundertprozentig gegen Hizbullah" gewesen sei, so stehe er heute "hundertprozentig hinter ihnen".

Mit Protestplakaten, die Photos von verstümmelten Leichen und verletzten Säuglingen zeigen, protestieren Libanesen gemeinsam gegen den Krieg. "Früchte der Einheit" - die Antwort auf die israelische Operation "Früchte des Zorns" - hieß das Motto einer Studentendemonstration am vorigen Sonntag auf dem berühmten Platz der Märtyrer, dessen Ruinen noch immer an den jahrelangen Bürgerkrieg (1975 bis 1990) erinnern. "Wir danken Israel ", begann eine junge Libanesin ihre Rede, "es hat uns alle miteinander vereint, so etwas hat es bisher noch nie gegeben."

Den schiitischen Arzt Ali Husseini kümmert es deshalb wenig, welche Flüchtlinge aus dem Süden er betreut. Die Einsatzleitung seines medizinischen Teams befindet sich im Hospital Ar-Rasul Al-Azam im Süden der Stadt, über dem Eingang hängt ein überdimensionales Plakat von Ajatollah Chomeini. Auf der Heckscheibe des Krankenwagens klebt ein Portrait von Hizbullah-Generalsekretär Hassan Nasrallah. "Wir sind keine Anhänger der Hizbullah", sagt Ali Husseini. "Wir helfen, weil wir eine nationale Katastrophe erleben, die einem Erdbeben gleicht."

Die 400 000 Südlibanesen, die auf Anordnung der israelischen Armee ihre Häuser verlassen haben, sind in Beiruter Schulen, in Moscheen und Kirchen untergebracht. Ali Husseini, seit Tagen im Einsatz, kennt die allgemeinen Krankheitssymptome nur zu gut: geplatzte Trommelfelle, verursacht durch den Lärm der Bomben, Traumatisierungen, Infektionen. Er habe viele Menschen gesehen, die unter Schock stehen und nicht mehr zu sprechen vermögen. Sein Besuch in der sogenannten modernen Schule dauert mehrere Stunden. Der Arzt untersucht vor allem Kinder, verteilt Antibiotika an die Eltern und muntert auf: Wenn der Krieg erst einmal vorbei sei, könnten alle wieder nach Hause. Doch niemand weiß, wie viele Dörfer bis dahin zerstört sind.

Die israelische Armee wollte verhindern, daß die schiitische "Partei Gottes" weiterhin Katjuschas nach Nordgaliläa abfeuert. Und sie wollte die Freischärler innerhalb der eigenen Bevölkerung isolieren. Das Gegenteil hat sie bewirkt: Nach den massiven Bombardements haben sich die meisten Libanesen, denen die Ideologie der Hizbullah im Grunde verhaßt ist, mit den schiitischen Kämpfern solidarisiert. "Selbst wenn wir in der Lage wären, die Hizbullah zu entwaffnen, würden wir es nicht tun", betont Ministerpräsident Rafik Hariri. "Sonst sähe es so aus, als würden wir den Israelis bei der Besatzung unseres Landes helfen."

Die Hizbullah-Aktivisten seien immerhin die einzigen, "die nicht die Waffen gestreckt haben, die unsere Rechte und unsere Ehre verteidigen", sagt ein Mann aus der südlibanesischen Hafenstadt Tyros, der seit Tagen vergeblich versucht, einen Checkpoint etwa zwanzig Kilometer vor Beirut in Richtung Süden zu passieren. Denn wieder einmal hat die israelische Marine die Küstenstraße unter Beschuß genommen: Sie will verhindern, daß die Hizbullah Nachschub erhält, und schießt auf jedes Fahrzeug, das Richtung Süden unterwegs ist. Am Checkpoint stauen sich die Fahrzeuge. In einigen sitzen bis zu sechs Soldaten in libanesischer Uniform, die auf eine Feuerpause warten. Sie wirken völlig hilflos - wie das Kaninchen vor der Schlange.