Insgeheim hofft Gottfried Beicht, daß sich seine segensreiche Tätigkeit nicht noch weiter herumspricht. Schon jetzt kann er sich des Ansturms der Klienten kaum erwehren. Was nicht verwundert: Der Flachdachpavillon, in dem er sein Büro hat, steht mitten im "Berliner Viertel", einem Stadtteil im rheinischen Monheim, in dem viele Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger leben, und ist von den umliegenden Sozialwohnblocks gut einzusehen.

Gottfried Beicht, studierter Sozialarbeiter, leitet im "Berliner Viertel" die Schuldnerberatung, eine Einrichtung des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Ratsuchende müssen mittlerweile Monate auf einen Termin warten. Um der größten Not abzuhelfen, hat Beicht unlängst eine "offene Sprechstunde" ohne Terminabsprache eingeführt. In Kurzberatungen geht es hier vor allem darum, dringende existenzsichernde Maßnahmen gegen drohende Zwangsräumungen zu treffen.

Für den einzelnen Ratsuchenden bleibt immer weniger Zeit. Der Verein Schuldnerhilfe Essen stellt in seinem jüngsten Bericht fest, das bisher schon unzureichende Angebot intensiver individueller Beratung habe im vergangenen Jahr angesichts steigender Nachfrage "drastisch eingeschränkt" werden müssen. Es sei frustrierend, sagt Wolfgang Huber, der Geschäftsführer des Vereins, zu wissen, daß mancher in zwei Jahren halbwegs aus den Schulden heraus wäre, wenn man nur mehr Zeit für ihn hätte.

Der Andrang auf die 780 Beratungsstellen in Deutschland steige nicht linear, sondern exponentiell, sagt Marie-Luise Falgenhauer von der Bundesarbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung. Immer mehr Haushalte geraten in Überschuldung. Darüber gibt es zwar keine Statistik, doch die wachsende Zahl der gestundeten und gekündigten Kredite, der Lohn- und Gehaltspfändungen und der eidesstattlichen Versicherungen weist deutlich darauf hin. Der vom Hamburger Institut für Finanzdienstleistungen alle zwei Jahre herausgegebene "Neue Schuldenreport" (Luchterhand Verlag) schätzt, daß 1,5 bis 2,5 Millionen Haushalte überschuldet sind - überschuldet, nicht nur verschuldet. Verschuldet sind rund ein Drittel aller deutschen Haushalte, im Durchschnitt mit 35 000 Mark. Als überschuldet gilt, wem die Verschuldung über den Kopf wächst.

Fast immer beginnen Überschuldungskarrieren harmlos mit einem Kleinkredit. Probleme gibt es, wenn das Haushaltsbudget, was nun immer häufiger geschieht, durch Arbeitslosigkeit oder Rückgang des Realeinkommens aus dem Gleichgewicht gerät. Auch familiäre Ereignisse wie die Geburt eines Kindes oder eine Scheidung lösen zunehmend Überschuldungen aus. Laut "Schuldenreport" befinden sich Überschuldete überwiegend in der ersten Lebenshälfte. Rund zwei Drittel der Ratsuchenden sind jünger als vierzig Jahre.

Bei der heute 25jährigen Melanie P. aus Essen begann die Misere mit einem Kredit zur Wohnungseinrichtung: Mit 18, nachdem sie ihre Lehre beendet hatte, nahm sie 7000 Mark auf. Ihr Gehalt betrug 1700 Mark netto. Weil das Darlehen nicht reichte, beantragte und erhielt sie weitere 5000 Mark. Ein halbes Jahr lang ging alles gut, Melanie P. zahlte pünktlich ihre Raten.

Um ihre Wohnung weiter "angemessen" zu möblieren, fragte sie um einen dritten Kredit nach, den ihr die Sparkasse jedoch verweigerte.