Die Frau an der Kasse kichert über die vielen älteren Herren. Schüchtern treten sie heran, den Blick gesenkt, mit leiser Stimme begehren sie Eintritt. "Ich fühle mich manchmal fast wie im Pornoladen", sagt die grauhaarige Dame und verkauft doch nur Eintrittskarten für "Sex & Crime", die Ausstellung im Sprengel-Museum Hannover.

"Wir bieten den Leuten richtiges Leben", schwärmt Direktor Ulrich Krempel, "links stirbt jemand, rechts zeigt jemand seinen Hintern, und hinten spielt jemand mit seiner Lust." Eine motorisierte Männergruppe hat ihre Lederhosen runtergelassen und pumpt sich in das Spundloch eines mannshohen Fasses. Monoton dröhnen die Schläge des "Alpine Man" von Paul McCarthy und geben der Ausstellung ihren dumpfen Rhythmus. "Ironische Pointierung des menschlichen Triebes", nennt das Ulrich Krempel, "und ein bißchen Witz vom Stammtisch ist auch dabei."

Die Hardcore-Provokation bleibt aber die Ausnahme: Für die meisten der 22 gezeigten Künstler ist "Sex & Crime" einfach ein schreckensbleiches Tableau und riecht nach Verwesung. Robert Mapplethorpe läßt uns an seiner unterkühlten Ästhetik aus Lack und Leder abblitzen, die amerikanische Künstlerin Nan Goldin sorgt sich mit grellen Alltagsphotos um Cookie Mueller, erzählt von tränenglänzenden Augen, Schmollmündern, einer Hochzeit und einem Sarg. Und in einer dritten Photoreihe wühlt Larry Clark, der jüngst mit dem Kinofilm "Kids" für Furore sorgte, in den Betten drogengeiler Teenager.

"Die klassischen Bilder aus Öl und Leinwand können da nicht mithalten", meint Ulrich Krempel, "die sind mit ihrer Abstraktion zu sehr nach innen gekehrt." Zu sehen sind daher vor allem Photos: drastisch und plakativ, von Künstlern, "die nicht vor einem Bild stehenbleiben, wenn hinter ihnen die Welt stirbt". Und so fläzt sich eine Installation aus gefesselt-verrenkten Pornokörpern von Vito Acconci auf dem Betonfußboden; auch Cindy Sherman ist zum Thema sterilisierter Puppenspiele mit zwei Bildern dabei. Und in einer Plakatserie lebt sich die australische Künstlerin Jasmine Hirst mit therapeutischen Geständnissen aus: "Immer wenn ich einen Vater mit seiner Tochter sehe, werde ich nervös", schreibt sie und kommt zu dem Schluß: "Zu viele Männer, zu wenige Kugeln."

Es ist eine amerikanische Sicht auf "Sex & Crime", die in Hannover vorgeführt wird - der einzige deutsche Künstler, Jochen Gerz, ist mit drei Schwarzweißphotos eines Schönheitswettbewerbs der siebziger Jahre vertreten, die von ihrer Größe bequem in jedes Photoalbum passen. "Die Deutschen waren zu sehr mit der Wiedervereinigung beschäftigt", begründet Krempel die Auswahl der Kuratoren, "die Fragen lustgesteuerter Kriminalität und krimineller Lebensgier wurden in den USA viel intensiver diskutiert." Wohl auch deswegen, weil jeder blanke Busen dort noch als Provokation gefeiert wird.

Anders in Deutschland: Die ansonsten eher hemdsoffene Bild-Zeitung rät zwar von einem Besuch der Ausstellung ab. "Ansonsten aber hatten wir doch ein bißchen mehr Aufregung schon erwartet" sagt Krempel, etwas enttäuscht darüber, daß die geplante Provokation so sang- und klanglos akzeptiert wird.