In der Ökobewegung zeichnet sich eine Trendwende ab. Die neue Devise lautet: Weg von düsteren Untergangsprognosen hin zu pragmatischem Ökorealismus. Einer ihrer Vordenker, der amerikanische Umweltexperte Gregg Easterbrook, gab seinem Buch ("A Moment on the Earth", Verlag Viking, New York) den Untertitel: "Das kommende Zeitalter des Umweltoptimismus". Easterbrook begründet seine These mit den Erfolgen der Umweltbewegung in den westlichen Industriestaaten. Luft und Gewässer seien sauberer geworden, ein Ende gravierender Umweltverschmutzungen absehbar. Er geht davon aus, daß befürchtete Katastrophen wie etwa der Treibhauseffekt , "nahezu sicher vermieden werden".

Doch viele Ökobewegte ignorierten diese Erfolge und erklärten "immer noch Notstände, wo es keine gibt". Damit schadeten sie der Glaubwürdigkeit des ökologischen Kampfes, der sinnvoll bleibe. Easterbrook preist die Umweltbewegung "als das Beste, was je den internationalen Beziehungen" widerfahren sei, binde sie doch die Nationen zusammen durch ein gemeinsames Ziel. Der ehemalige Chef der US-Umweltbehörde, William Reilly, hält das 745 Seiten starke Werk Easterbrooks für das "einflußreichste Buch seit dem Erscheinen von ,Der stumme Frühling'", dem Ökoklassiker von Rachel Carson.

Ende April erscheint im Düsseldorfer Metropolitan Verlag "Öko-Optimismus", ein Werk mit sehr ähnlichem Tenor. Die Autoren Dirk Maxeiner und Michael Miersch, ehemals leitende Redakteure der Zeitschrift Natur und heute auch Autoren der ZEIT, stoßen seit Jahren in das gleiche Horn wie Easterbrook. "Keine soziale Bewegung unseres Jahrhunderts erzielte auch nur annähernd so schnell Erfolge wie die Umweltbewegung", schreiben sie in ihrem Vorwort. "In Deutschland sind die atomare Wiederaufbereitung und die Brütertechnologie vom Tisch. Kein Atomkraftwerk wurde mehr gebaut, der Energieverbrauch sank. Das Müllaufkommen verringert sich, die Flüsse und die Luft sind reiner, verloren geglaubte Tierarten kehren zurück, und die Liste der verbotenen und ausgemusterten Gifte in Landwirtschaft und Industrie wird immer länger." Dafür verdiene die Ökobewegung Hochachtung. Dennoch fühlten sich viele ihrer Anhänger "noch als unterdrückte Minderheit, obwohl sie längst Meinungsführer sind". Das neue ökooptimistische Credo lautet: Die technische Zivilisation könne zwar zerstörerisch sein, doch richtig eingesetzt, lebe sie durchaus "im Einklang mit Wäldern und Walen, Seen und Savannen".

So berechtigt der Appell zu mehr Pragmatismus und Zuversicht ist, so blauäugig ist allerdings die Aufforderung der Autoren, man solle lieber "die ausgestreckten Hände vieler Unternehmer ergreifen", statt theatralisch offene Werkstore einzurennen. Gewiß, auch viele Unternehmer sind ökobewußt(er) geworden. Doch in den meisten Fällen hat dies wenig mit profundem Ökologie-, sondern mit knallhartem Marktbewußtsein zu tun.

Zu welchen Blähungen der ökooptimistische Zeitgeist inzwischen fähig ist, belegt ein Kommentar des Fernsehjournalisten Franz Alt in der Märznummer der neu gestalteten Zeitschrift Natur. Er plädiert für "Lust auf Zukunft statt Frust an der Gegenwart". Alt ist die "lustbetonte Philosophie" des ADAC mit seinem "Slogan Freie Fahrt für freie Bürger" "viel lieber als eine frustbeladene von Umweltschützern". Denn er sei "davon überzeugt, daß freie und glückliche Menschen weniger kaputtmachen als frustrierte und verklemmte".

Gewiß, Maxeiner und Miersch hätten wohl kaum solch krause Philosophie ins Blatt gehoben. Doch es könnte ihnen blühen, daß sie bald auch manchem Ökooptimisten die Leviten lesen müssen.