Die Frage schlägt uns schier auf den Magen: "Wann wird Genießen in Deutschland endlich amtlich erlaubt und ungeniert möglich?" Wir gehen in uns: Schneidet uns vielleicht der Nachbar, nur weil er uns beim Betreten eines besternten Gourmettempels sah? Hätten wir besser nur bei Nacht und Nebel durch den Hintereingang und möglichst vierzig Kilometer entfernt vom Heimatort die Stätten beschleichen sollen, wo Milchlamm im Kräutermantel und Entenbrust an Balsamicojus kredenzt werden? Gelten wir als ungeliebte Außenseiter, weil wir uns immer noch dem Genuß mit Messer und Gabel hingeben?

Zur Diskussion wider die Miesmacherei, wider die Askese und wider den Sozialneid wurde bei der XII. Mitteltaler Tafelrunde im Baiersbronner Hotel "Bareiss" aufgerufen und als kompetente Diskutanten Lothar Späth und Joschka Fischer aufs Podium gebeten. Gönnt uns also in schlechten Zeiten wie diesen keiner mehr die PS-starke Karosse, sind die Deutschen missionarisch intolerant?

Gottlob, Entwarnung wurde gleich geblasen. Der Unternehmer muß die Gastgeberrolle geben, so verstanden wir Lothar Späth, um seine Partner bei Laune zu halten. Der Politiker, zum Beispiel, läßt sich höchstens deshalb selten privat bei den Herren aus dem Sternenreich blicken, weil er qua Amt schon so oft Kalbsfilet in Morchelrahmsauce essen muß. Ein Volksvertreter, der sich asketisch Knäckebrot und Quark verschreibe - dessen Wiederwahl, so machte uns Späth neuen Essensmut, sei ohnehin höchst gefährdet. Nichts da also mit mönchischer Abstinenz.

Vollmundig versicherte Joschka Fischer, er zeige keine Befangenheit, in ein gutes Restaurant zu gehen, und schwärmte mit strahlendem Auge von jenem Moment, wenn im Kopf die Sonne aufgehe beim ersten Schluck edlen Weines. Kann es Sünde sein, einen feinen Tropfen zu goutieren, wenn jedes Seminar für Streßabbau viel teurer ist als eine Flasche guten Weins? Das leuchtete ein, und schon sahen wir uns wieder erleichtert vor Lotte auf Thymiansauce und Allerlei vom Kaninchen mit Bries, dazu ein Pouilly-Fum&eacute

Denn schließlich, so half Fischer unser Gewissen zu beruhigen und den Druck vom Magen zu nehmen, präge die Spitzengastronomie unsere Kultur, sei gleichsam die Lokomotive ihrer Entwicklung. Sofort fühlten wir uns aufgerufen, fürderhin auf den Karibikurlaub zu verzichten und kräftig schlemmend mitzuwirken, daß die ja eigentlich unbezahlbare Kultur nicht verkümmert in den Restaurants der gehobenen Preisklasse, jenen letzten Refugien der heilen Welt. "Zurück zur Erbsensuppe" werden wir in voller Übereinstimmung mit Joschka Fischer selbst in Krisenjahren nicht zu unserem Motto küren.

Denn obendrein wartet auf die Magier am Kochtopf, die Kreativen am Herd noch eine weitere wichtige Aufgabe: In Zeiten der Salmonellen und des Rinderwahnsinns sollen sie der unmanipulierten Kartoffel, dem Rhönschaf und dem Obstler ihren gebührenden Rang verleihen. Beim ökologischen Gedanken werden die Meister der Pfannen und Tiegel in die Pflicht genommen.