Jeden Morgen spricht sie mich an. Sie, mit ihrem Jacketkronen-Lächeln und ihren Grübchen. Unheimlich gut drauf ist sie. Hat den idealen Job gefunden. "Hallo, Petra. Du, seit Marcus im Hort ist, arbeite ich wieder. Die brauchen noch Aushilfskräfte wie uns, du." Jeden Morgen antworte ich: "Ich heiße nicht Petra." Aber recht hat sie doch: Marcus im Hort und dann zu Hause bleiben? Wäre doch todlangweilig.

Werbung in der S-Bahn gehorcht eigenen Gesetzen. Das wichtigste darunter besagt, daß sich ÖPNV-Nutzer einleuchtenden Argumenten nicht verschließen. Hier für Fernreisen oder laszive Düfte zu werben wäre der helle Wahn. Denn die auf taubenblauen Plastikbänken Reisenden sind vernunftbegabte Wesen auf dem Weg von A nach B. Sie lassen sich höchstens das Unvermeidliche näherbringen. Aufforderungen, zierlich im Millimeterformat: Müll trennen, Energie sparen, Rücksicht nehmen mit dem Walkman; hier und da ein Kiefernholzregal, das ist aber das Äußerste.

Richtig, und dann ist da dieses 43 mal 15 Zentimeter kleine Plakat. Über den Fenstern am mittleren Einstieg hat es seinen Stammplatz, und zwar rechts. Die Anzeige des Sargkontors (wohl eine Art Bestattungs-Aldi): "Ein Grabmal muß nicht teuer sein." Name, Telephonnummer, mehr braucht es nicht.

Ich schaue hinaus. Ein Frühlingstag, taufrisch und morgensanft, voller leuchtender blauer Hosen am Himmel, viel zu schön, um acht Stunden im Büromief abzuhocken. Ich könnte vielleicht . . . Altona. "Ein Grabmal muß nicht teuer sein." Wirklich nicht.

Gut gesagt, was? Schnörkellos, einfach ermutigend: Kopf hoch, das schaffen wir schon! Die Zeitung rutscht auf den Boden. Ich spüre, wie meine Gedanken aus allen Richtungen plötzlich zusammenlaufen, auf diesen einen zu: "Ein Grabmal muß nicht teuer sein." Oh, nein.

Plötzlich sehe ich alles vor mir. Sortiere rasch die Lieben, die meinem Sarg folgen. Sehe meinen Mann, fassungslos, so sagt man doch? Ach, Alter, Mensch, wie wird das gehen, du allein. Höre das Schluchzen von Tante Alice. Die Brüder, fahl auch sie. Ob wohl jemand der Kollegen, den weiten Weg nicht scheuend und so weiter?